10)Das Wort des Propheten
Aus "Maria heute" Nr. 425 Mai 2006 Parvis-Verlag
religiöse Monatszeitschrift (38.Jahr)


Nachdem Kardinal Ratzinger Papst geworden ist und den Namen Benedikt XVI. angenommen hat, verleiht das Interview, das er kurz vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri dem Theologen Christian Hvidt über "die Bedeutung der Propheten in der Kirche" gewährte, der zeitgenössischen prophetischen Gnade neue Kraft. Diese Unterweisung gibt der Kirche die Gelegenheit, die zeitgenössische Prophetie ohne Angst anzunehmen, oder sich ihr vollständig zu öffnen, um der Neuevangelisierung einen göttlichen Antrieb zu geben.
Die Zeitschrift Maria heute verifiziert hier ihre theologische Grundlage, die ihre Daseinsberechtigung ist: christliche Hoffnung zu bringen, die unsere Gesellschaft so nötig braucht; Hoffnung, indem sie Gottes Wort durch die Stimme der Menschen hörbar macht. Aus dem Hören auf das Wort wird der Glaube geboren.


Wir haben einige Anmerkungen angefügt, um das Verständnis zu erleichtern.

C. Hvidt:
In der Geschichte der Offenbarung des Alten Testamentes öffnet gerade das Wort des Propheten dem Volk den Weg zu. Gott und begleitet es während seines ganzes Weges. Wie ist das - Ihrer Meinung nach - im Leben der Kirche?

Kardinal Ratzinger
: Wir wollen zuerst einen Moment bei der Bedeutung des Begriffs Prophetie im Alten Testament verweilen. Um jedes MissVerständnis auszuschließen, ist es nützlich, mit Präzision hervorzuheben, wer der Prophet wirklich ist.


Das wesentliche Element eines Propheten besteht nicht darin, künftige Ereignisse vorherzusagen. Der Prophet ist derjenige, der die Wahrheit sagt, weil er mit Gott in Kontakt steht. Und dabei handelt es sich um die Wahrheit, die für heute gilt, die natürlich auch die Zukunft erhellt. Es geht also nicht darum, die Zukunft mit ihren Einzelheiten vorherzusagen, sondern in genau diesem Augenblick die göttliche Wahrheit zu vergegenwärtigen und den Weg aufzuzeigen, der eingeschlagen werden soll.

Für das Volk Israel hat das Wort des Propheten eine besondere Funktion und zwar in dem Sinn, dass dieses Volk wesenhaft auf die Zukunft ausgerichtet ist. Folglich hat das Wort des Propheten eine doppelte Eigenschaft: einerseits fordert es, gehört und befolgt zu werden, wobei es ein menschliches Wort bleibt; andererseits stützt es sich auf den Glauben und reiht sich in die ganze Struktur des Volkes Israel ein, insbesondere in sein Warten und Hoffen. Es ist wirklich wichtig zu betonen, dass der Prophet kein "Apokalyptiker" ist, auch wenn es den Anschein hat. Er beschreibt nicht die letzten Dinge, sondern hilft, den Glauben als eine Hoffnung zu verstehen.

Auch wenn der Prophet Gottes Wort so verkünden muss, als sei es ein scharfes Schwert, ist er doch nicht jemand, der den Kultus und die Institutionen kritisieren will.

Seine Aufgabe ist es, stets zu wiederholen, was nicht richtig verstanden wurde; er soll an die Missbräuche erinnern, die dem Wort Gottes durch die Institutionen widerfuhren und überdies hat er die Pflicht, die für .das Leben notwendigen Gebote Gottes auszusprechen. Es wäre aber ein Irrtum, würde man das Alte Testament auf einer Dialektik aufbauen, die das Gesetz und die Propheten in Gegensatz zueinander stellt'. Da beide von Gott kommen, haben sie gemeinsam eine prophetische Funktion. Das ist für mich ein sehr wichtiger Punkt, denn er bringt uns zum Neuen Testament. Am Ende des Buches Deuteronomium wird Mose als ein Prophet dargestellt und er stellt sich auch selber so dar. Er kündigt Israel an: "Gott wird euch einen Propheten wie mich senden". Es bleibt die Frage, was "ein Prophet wie mich" bedeutet? Ich möchte darauf hinweisen, dass - dem Buch Deuteronomium zufolge - der entscheidende Punkt darin besteht, dass Mose mit Gott wie mit einem Freund sprach. Hier ist für mich der Kern oder die Wurzel des echten prophetischen Wesens, in diesem "Von-Angesicht-zu-Ange-sicht-mit-Gott", in diesem "Mit-ihm-sprechen-wie-mit-einem-Freund". Nur aufgrund dieser unmittelbaren Begegnung mit Gott kann der Prophet in die Geschichte Israels eingreifen.

Wie kann man eine Beziehung zwischen dem Konzept der Prophetie und Christus herstellen? Kann man Christus einen Propheten nennen?
Die Kirchenväter haben die im Buch Deuteronomium erwähnte Prophetie als eine Verheißung Christi verstanden. Dieser Auffassung schließe ich mich an. Mose sagt "ein Prophet wie mich". Er hat Israel Gottes Wort überbracht und es zu einem Volk gemacht. Mit seinem "Von-Angesicht-zu-Angesicht-mit-Gott" hat er seine prophetische Sendung erfüllt indem er die Menschen zu ihrem eigenen "Von-Angesicht-zu-Ange-sicht-mit-Gott" führte. Alle anderen Propheten folgen diesem Vorbild von Prophetie und müssen das mosaische Gesetz immer wieder von der Starre befreien und es in einen Weg des Lebens transformieren.

Der wahre und größere Mose ist daher Christus, der das "Von-Angesicht-zu-Ange-sicht" mit Gott in voller Realität lebt, da er Sein Sohn ist. In diesem Zusammenhang wird ein sehr wichtiger Punkt zwischen dem Buch Deuteronomium und dem Kommen Christi sichtbar, der uns die Einheit der beiden Testamente verstehen lässt. Christus ist wirklich der wahre Mose, der tatsächlich das "Von-Ange-sicht-zu-Angesicht" mit Gott lebt, weil er Sein Sohn ist. Er führt uns nicht nur durch das Wort und das Gesetz zu Gott, sondern er nimmt sich unser durch sein Leben und Leiden an und durch seine Menschwerdung macht er uns zu seinem mystischen Leib. Das bedeutet, dass in den Wurzeln des Neuen Testamentes die Prophetie gegenwärtig ist. Wenn Christus, weil er Gottes Sohn ist, der endgültige Prophet ist, erwächst aus der Gemeinschaft mit dem Sohn die christologische und prophetische Dimension im Neuen Testament4.

Hat der Tod des letzten Apostels nicht zu einem endgültigen "Aus" für jede spätere Prophetie geführt?

Ja, es gibt die These, derzufolge der Schluss des Buches der Offenbarung jeder Prophetie ein Ende setzt. Mir scheint, dass diese These ein doppeltes Missverständnis enthält.

Hinter dieser These kann die Vorstellung stehen, dass der Prophet, dessen Ziel wesenhaft auf eine Dimension der Hoffnung ausgerichtet ist, keine Daseinsberechtigung mehr hat, da es ja Christus gibt und die.Hoffnung auf seine Wiederkunft gründet. Das ist ein Irrtum, da Christus mit seinem Leib gekommen ist und im Heiligen Geist auferstand. Diese neue Gegenwart Christi in der Geschichte, im Sakrament, im Wort, im Leben der Kirche, im Herzen jedes Menschen ist Ausdruck, aber auch Anfang des endgültigen Kommens Christi, der von allem Besitz ergreifen und in allem sein wird. Das bedeutet, dass das Christentum in sich selbst eine Bewegung ist, da es der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, der in den Himmel aufgefahren ist und von dort wiederkommen wird, entgegengeht. Das ist der Grund, warum das Christentum immer die Struktur der Hoffnung in sich trägt. Die Eucharistie wurde immer als eine Bewegung unsererseits, die auf den kommenden Herrn ausgerichtet ist, aufgefasst. Sie inkorporiert sogar die ganze Kirche. Die Vorstellung, derzufolge das Christentum eine in sich selbst vollständig abgeschlossene Gegenwart ist, die keine Hoffnungs Struktur beinhaltet, ist der erste Irrtum, den es zurückzuweisen gilt. Das Neue Testament hat bereits eine Hoffnungsstruktur in sich, die ein wenig modifiziert ist, die jedoch immer eine Hoffnungsstruktur bleibt. Für den Glauben des neuen Gottesvolkes ist es wesentlich, Diener der Hoffnung zu sein5.

Das zweite Missverständnis besteht in einem zu intellektuellen und reduktionistischen Verständnis der Offenbarung, die als ein Wahrheitsschatz betrachtet wird, der bereits vollständig geoffenbart ist und dem nichts mehr hinzuzufügen ist''. Das authentische Ereignis der Offenbarung besteht in der Tatsache, dass wir zu diesem "Von-Angesicht-zu-Angesicht" mit Gott eingeladen sind. Die Offenbarung zeigt uns wesenhaft einen Gott, der sich uns hingibt, der mit uns die Geschichte aufbaut, der uns vereint und uns alle zusammen aufnimmt. Es geht um eine Begegnung, die in sich auch eine kommunikative Dimension und eine erkenntnismäs-sige Struktur hat. Sie impliziert die Anerkennung der geoffenbarten Wahrheit.

Wenn man die Offenbarung unter diesem Aspekt annimmt, kann man sagen, dass die Offenbarung mit Christus
ihr Ziel erreicht hat, denn - um die schöne Formulierung des hl. Johannes vom Kreuz aufzunehmen - wenn Gott persönlich gesprochen hat, gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Über den Logos7 hinaus kann nichts mehr gesagt werden. Er ist auf vollständige Weise unter uns und dieser Gott kann uns weder mehr geben, noch uns mehr über sich selbst sagen. Unsere Aufgabe bleibt es, Tag für Tag tiefer in dieses Glaubensmysterium einzudringen, gerade weil wir Christen diese totale Selbsthingabe, die Gott uns mit seinem menschgewordenen Sohn geschenkt hat, empfangen haben.

Dies verbindet sich mit der Struktur der Hoffnung. Das Kommen Christi ist der Anfang einer immer tieferen Erkenntnis und einer graduellen Entdeckung all dessen, was das menschgewordene Wort uns geschenkt hat. So kam es zu einer neuen Weise, den Menschen in die ganze Wahrheit einzuführen, wie Jesus im Johannesevangelium sagt, wo er vom Kommen des Heiligen Geistes spricht". Ich möchte darauf hinweisen, dass die pneumatische Christologielu aus der Abschiedsrede Jesu im Evangelium des hl. Johannes sehr wichtig für unser Gespräch ist, da Christus hier darlegt, dass sein leibliches Leben auf der Erde nur ein erster Schritt war. Das wahre Kommen Jesu realisiert sich in jenem Augenblick, wo er nicht mehr an einen bestimmten Ort oder einen physischen Leib gebunden ist, sondern wie der Auferstandene im Heiligen Geist zu allen Menschen aller Zeiten" gehen kann, um sie in einer viel tieferen Weise in die Wahrheit zu führen. Mir scheint es klar zu sein, dass gerade wenn diese pneumatische Christologie die Zeit der Kirche bestimmt, d.h. die Zeit, in der Christus im Heiligen Geist zu uns kommt, das prophetische Element als Element der Hoffnung und der Gegenwärtigsetzung der Gabe Gottes weder fehlen, noch abnehmen kann12.

Wenn dem so ist, lautet meine Frage: Aufweiche Weise
ist dieses prophetische Element zugegen und was sagt der hl Paulus dazu?


In den Schriften des hl. Paulus ist es ganz besonders offensichtlich, dass sein Apo-stolat, da es ein universelles Apostolat ist, das sich an die gesamte heidnische Welt richtet, auch die prophetische Dimension umfasst. Durch seine Begegnung mit Christus konnte Paulus in das Mysterium der Auferstehung und in die Tiefen des Evangeliums eindringen. Durch seine Begegnung mit Christus konnte er Sein Wort auf neue Weise verstehen, den Aspekt der Hoffnung hervorheben und seiner Gabe der Unterscheidung Geltung verleihen. Ein Apostel wie der hl. Paulus zu sein ist natürlich ein einzigartiges Phänomen. Man kann sich fragen, was in der Kirche nach dem Ende der apostolischen Ära geschieht. Um auf diese Frage zu antworten, ist ein Abschnitt aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Epheser sehr bedeutsam. Dort heißt es, dass die Kirche "auf die Apostel und die Propheten" gegründet istl?. Es gab eine Zeit, in der man dachte, es ginge hier um die zwölf Apostel und die Propheten des Alten Testamentes. Die moderne Exegese sagt, dass der Begriff "Apostel" weiter gefasst werden muss und dass sich das Konzept von "Prophet" auf die Propheten der Kirche bezieht. Dem 12. Kapitel des ersten Korintherbriefes entnimmt man, dass sich die Propheten organisierten wie Mitglieder eines Kollegiums. Dasselbe wird in der Didache14 erwähnt, was bedeutet, dass dieses Kollegium noch bestand, als das Werk geschrieben wurde.

Später löste sich das Prophetenkollegium auf, was sicher kein Zufall war, denn das Alte Testament zeigt uns, dass die Funktion des Propheten nicht institutionalisier15 werden kann, da sich die Kritik der Propheten nicht nur gegen die Priester, sondern auch gegen die institutionalisierten Propheten richtet. Dies wird im Buch Amos sehr deutlich, als der Prophet
Amos gegen die Propheten Israels spricht. Die freien Propheten sprechen oft gegen die Propheten, die einem Kollegium angehören, weil Gott sozusagen mehr Handlungsfreiheit und größeren Spielraum bei den freien Propheten hat, bei denen er in größerer Freiheit intervenieren und Initiativen ergreifen kann, was er hingegen bei institutionalisierten Propheten nicht tun könnte. Mir scheint, dass beide gemeinsam in zwei Formen existieren sollten, wie es übrigens auch in der ganzen Kirchengeschichte gewesen ist16.

Da die Apostel ihrerseits ebenfalls Propheten waren, muss man anerkennen, dass das institutionalisierte apostolische Kollegium immer auch einen prophetischen Charakter hat. So begegnet die Kirche der Herausforderung, in entscheidenden Augenblicken die Gnaden des Heiligen Geistes zu erkennen, die ihr eine Tür öffnen, um helfen zu können. Die Kirchengeschichte hat uns viele Beispiele von großen Persönlichkeiten gezeigt, die zugleich auch Propheten waren, wie z.B. Gregor der Große und der hl. Au-gustinus.

Wir könnten noch weitere Namen großer Persönlichkeiten der Kirche anführen, die ebenfalls prophetische Gestalten der Kirche anführen, die ebenfalls prophetische Gestalten waren, da sie es verstanden, die Tür für den Heiligen Geist offen zu halten. Nur durch dieses Verhalten konnten sie auf prophetische Weise Macht ausüben, wie es in der Didache oft erwähnt ist.

Was die unabhängigen, d.h. die nicht institutionalisierten Propheten anbetrifft, muss man in Erinnerung rufen, dass Gott sich die Freiheit vorbehält, in seine Kirche unmittelbar einzugreifen, um sie aufzuwecken, sie zu mahnen, sie voranzuführen und zu heiligen. Ich glaube, dass diese charismatischen und prophetischen Personen in der Kirchengeschichte unablässig aufeinander gefolgt sind. Sie treten in den wichtigsten und schwierigsten Momenten der Kirchengeschichte auf. Denken wir zum Beispiel an die Entstehung der monastischen Bewegung, an den hl. Anto-nius, den Wüstenvater, der in die Wüste geht und der Kirche dadurch einen starken Impuls gibt. Die Christologie wurde durch Mönche vom Arianismus und Nestoria-nismus17 gerettet.

Auch der hl. Basilius war eine dieser Gestalten; ein großer Bischof und zugleich auch ein echter Prophet. Es ist auch nicht schwer, in den Bettelorden einen charismatischen Ursprung zu erahnen. Weder der hl. Dominikus noch der hl. Franziskus haben zukünftige Ereignisse prophezeit, sondern sie konnten die Zeichen der Zeit erkennen und verstehen, dass für die Kirche der Zeitpunkt gekommen war, sich vom Feudalsystem zu befreien, der Universalität und der Armut des Evangeliums und dem "apostolischen Leben" wieder Geltung zu verschaffen. Durch dieses Verhalten gaben sie der Kirche ihr wahres Aussehen zurück, das Aussehen einer vom Heiligen Geist beseelten und von Christus selbst geführten Kirche. So trugen sie zur Reform der kirchlichen Hierarchie bei.

Weitere Beispiele sind die hl. Katharina von Siena und
die hl. Brigitta von Schweden, zwei große Frauengestalten.
Ich denke, es ist wichtig zu betonen, wie viele Frauen sich gerade in besonders schwierigen Zeiten der Kirche
- wie es z.B. die Krise von Avignon und dem darauffolgenden Schisma der Fall war
- erhoben, um sowohl den lebendigen Christus als auch den in seiner Kirche leidenden Christus zu verkündigen.

Dr. Theol. Niels Christian Hvidt'*, Segno del Sopranatu-mle, Nr. 205 und 206
Die Anmerkungen und die Zusammenfassung stammen von unserer Redaktion,


Zusammenfassung unserer Redaktion
Wir freuen uns zu sehen, dass derjenige, den der Heilige Geist zum Hirten der Kirche erwählte, die Fortdauer des Charismas der Prophezeiung und die Sendung des Propheten in der Kirche verteidigt und rechtfertigt. Allzu oft werden in der Kirche prophetische Botschaften verachtet.
Die vorgeschobenen Argumente gegen die zeitgenössischen Erscheinungen und Offenbarungen verflüchtigen sich, insbesondere die ständige Wiederholung, dass mit dem Tod des letzten Apostels die Offenbarung abgeschlossen sei und Gott uns daher nichts mehr zu sagen habe..., obwohl unserer Welt die Hoffnung fehlt! Jesus ist der von Mose angekündigte große Prophet. Er ist auch das Haupt des mystischen Leibes, dessen Glieder wir sind. Wie sollte die Kirche als Leib Christi keine Propheten mehr haben? Dieses Charisma ist sowohl in ihre "Gene" als auch in die Heilige Schrift eingeschrieben. Es geht also darum zu lernen, auf den Heiligen Geist zu hören und seine Gesandten aufzunehmen. Vergessen wir nicht: "Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten" (Mt 10, 40).
In der gegenwärtigen Zeit der Kirche, die eine Zeit ist, in der Christus im Heiligen Geist zu uns kommt, darf das Charisma der Prophezeiung weder fehlen, noch abnehmen, weil es Hoffnung bringt und das wahre Leben in Gott bei denen,- die es annehmen, erweckt und mit Tatkraft füllt. Es orientiert und erneuert die Kirche im Hinblick auf die Zeit, in der sie lebt. Ja, die Kirche ist immer "auf die Apostel und die Propheten gegründet" und das Wort der Propheten muss gehört und befolgt werden, wobei man sich auf den Glauben stützen und es in die Struktur der Kirche eingliedern soll.

Anmerkungen:
1. Der Prophet wird durch seine Vertrautheit, durch sein "Von-Ange-sicht-zu-Angesicht" mit Gott zu einem guten Erdreich, in das sich Gottes Wort einwurzelt und heranwachst. Er bringt Frucht, denn er versteht es, dieses Wort in seinem Leben konkret, lebendig, wirksam werden zu lassen. Er "sieht" weiter als seine Brüder, denn er hat teil an Gottes Sicht bezüglich der Berufung des Menschen. Daraus bezieht er seine Hoffnung. Dieser Vorsprung, den er vor seinen Zeitgenossen hat, macht ihn jedoch nicht zu einem apokalyptischen Seher. Wie Jesus gibt er die Wahrheit, die er von oben gehört hat, wieder; die Wahrheit, die den Weg, der dann zu gehen ist, erleuchtet. Das unterscheidet sich sehr von einer Vorhersage der Zukunft.

2. Die Kirche unterscheidet zwischen Privatoffenbarung und biblischer Offenbarung, die den Kanon der Heiligen Schrift bildet. Nur die biblische Offenbarung wird "Wort Gottes" genannt. Sie ist für die Lehre der katholischen Kirche die einzige Referenz. Keine einzige Privatoffenbarung - auch nicht, wenn sie "anerkannt" ist - gehört zur offiziellen Lehre der Kirche. Daher wird der Begriff "menschliches Wort" verwendet, das gleichwohl im Glauben angenommen werden soll. Das Wort eines echten Propheten wird im Glauben aufgenommen.
Wenn das Wort des Propheten "vom Himmel fällt", ruht es auf dem Glauben. Und der Glaube, so sagt uns Paulus, kommt vom Hören des Wortes Gottes. Daher ist es erforderlich, dieses Wort gut zu kennen, damit der Prophet richtig gehört werden kann. Jeder Prophet, der außerhalb des Glaubens der Kirche verkündet, ist ein falscher Prophet.

3. Nie hat ein Prophet das Gesetz kritisiert. Er kritisiert schlechte Auslegungen und Abweichungen vom Gesetz, sowie menschliche Traditionen, die von Menschen hinzugefügt wurden, wie Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten vorwarf (Mt 23, 13-32).

4. Das Andauern von Prophetie in der Kirche gründet sich auf die Person des auferstandenen Christus. Weil Jesus im Heiligen Geist auferstanden ist, setzt der Geist der Prophezeiung sein Werk in der Welt fort. Dieser Punkt ist entscheidend, um die Kontinuität des Prophetentums zwischen Altem und Neuem Bund zu rechtfertigen. Hier gibt der Papst die theologische Grundlage des Prophetentums in der Kirche an. Christus ist der Prophet par excel-lence; er ist der Gründer der Kirche, das Haupt des mystischen Leibes. Weil er uns in sich aufnimmt, hat der ganze getaufte [mystische] Leib Anteil an dieser prophetischen Dimension - manche durch ihr Charisma auf besondere Weise: ein freundschaftliches von Angesicht zu Angesicht mit Gott.

5. Auch wenn die göttliche Offenbarung mit dem Buch der Offenbarung abgeschlossen ist, ist die Hoffnung, die die Daseinsberechtigung der Propheten ist, nicht mit der Menschwerdung Christi erloschen. Denn die Gegenwart des auferstandenen Christus ist im Neuen Bund der neue Ausgangspunkt einer neuen Hoffnung: die Hoffnung auf seine Wiederkunft in Herrlichkeit: "Wir erwarten deine Wiederkunft in Herrlichkeit" (Eucharistisches Hochgebet). Die Kirche, die aus der Eucharistie lebt, geht diesem Tag entgegen. Wie der Glaube Israels auf die Erwartung des Messias ausgerichtet war, richtet sich der Glaube der Kirche auf die Erwartung der glorreichen Wiederkunft Christi und sein Reich, was auch der Erwartung Israels entspricht.

6. Viele stützen sich auf eine Schrift des hl. Johannes vom Kreuz: "Denn weil Gott uns seinen Sohn, der sein letztes und definitives Wort ist, gegeben hat, wie er es getan hat, hat er uns ailes auf einmal gesagt und es gibt nichts weiter zu sagen". Damit wird versucht, die Realität eines permanenten Prophetentums in der Kirche zu leugnen.

7. Griechischer Ausdruck für "Wort".

8. Das Fortbestehen des Prophetentums in der Kirche, gründend auf der Person des auferstandenen Jesus.

9. Vgl. Joh 16,13: "Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird." Die Meditation der Kapitel 14-16 des Johannesevangeliums ist wärm-stens zu empfehlen.

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