Michael Schmaus - Der Glaube der Kirche
Zweite, wesentlich veränderte Auflage

Band VI
Gott als der durch Christus Vergebende und als der Vollender
Teil-Band 2

Gott der Vollender
1980 / 2. Auflage: 1992

 Auszug

 

Vierter Hauptabschnitt

Die Gesamtvollendung

 

Alle Einzelnen, die des himmlischen Lebens teilhaf­tig werden, bilden, wenn der Letzte durch den Tod hindurchgegangen ist, eine Gemeinschaft, zu der kei­ner mehr hinzukommt, in der kein Zugehöriger fehlt. Dieser Zustand wird eingeleitet durch das (Wieder) Kommen Christi. In diesem Hauptabschnitt wird sich unvermeidlicherweise manches wiederholen, was schon bei der Besprechung der individuellen Eschatologie gesagt wer­den musste. Ich hoffe, dass dies nicht der Langweile, sondern einem tieferen Verständnis dient. Die Gesamtheit der Welt ist natürlich aufgebaut aus den Einzelmöglichkeiten. Einzelnes und Ganzes greifen ineinander und bedürfen sich gegenseitig. Vor allem ist die vom Heiligen Geist durchdrungene Kirche das spezifische Medium für den Heilsprozess und auch der Raum der des Heiles Teilhaftigen.

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1. ABSCHNITT

Das Kommen Christi

1. Kapitel

Das Faktum

 Die Vollendung der Schöpfung wird das Ende eines großen Bewegungsprozesses sein. Letztlich wird sie nicht durch einen Sachvorgang, sondern durch eine personale Begegnung erreicht werden, nämlich durch das »Kommen« Christi. Wenn wir von dem »Wieder­kommen« Christi reden, so ist damit natürlich nicht ein räumlicher Vorgang gemeint, sondern ein personaler. So wenig sich Christus in der Erhöhung von der Erde weg einem bestimmten Orte »oben« zugewandt hat, um dort seine Wohnung aufzuschlagen, so wenig wird er von einem bestimmten Ort im Weltall her sich wie­der auf die Erde zurückbewegen.

Das erste Kommen des ewigen Logos bedeutete, dass er eine Beziehung einmaliger Art zu dem konkre­ten Menschen und dadurch zu der gesamten Mensch­heit und auch zu der außermenschlichen Schöpfung aufgenommen hat. In seiner Auferweckung von den Toten hat die von ihm angenommene menschliche Na­tur die letzten Konsequenzen dieser ihrer Sonderbezie­hung zu dem ewigen Logos erfahren. Die in der Auferweckung vollzogene Verwandlung des Menschen Je­sus war von solcher Art, dass sich seine Existenz von jeder geschichtlichen Existenz unterscheidet und er

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daher seiner realen Anwesenheit nach innerhalb der Geschichte nicht unmittelbar wahrnehmbar ist. Die Wiederkunft Christi bedeutet eine solche Aktualisierung seiner verklärten Existenzweise, dass er nicht mehr in Verhüllungen, sondern in unmittelbarer An­schaulichkeit gegenwärtig sein wird, so dass ihn nie­mand mehr übersehen kann. Dies setzt voraus, dass die gesamte Menschheit eine Veränderung erfährt, welche sie in den Stand setzt, den verklärten Christus wahrzunehmen. Die verwandlerische Kraft müssen wir in der Liebe sehen, nicht nur in der Liebe des Geschöp­fes, sondern in der allmächtigen Liebe Gottes. Die ver­wandlerische Kraft der menschlichen Liebe kann uns jedoch ein Gleichnis sein für das Geheimnis, welches die unendliche Schöpferkraft der Liebe Gottes in sich birgt.

 

 

2. Kapitel

Die Schrift

 Was zunächst das Faktum der »Wiederkunft« Christi, seiner endgültigen personalen Selbstoffenbarung, betrifft, so stellt die Hoffnung auf dieses Ereignis zusammen mit dem Glauben an die Auferweckung Jesu Christi den Kern der apostolischen Verkündigung dar. In der Hoffnung auf den kommenden Herrn (Röm 4,18) kehrten die Jünger nach dem Abschied von Jesus Christus vom Ölberg zurück (Apg 1,11). Die Erwartung des wiederkommenden Herrn rüstet sie mit Widerstandskraft aus in den Heimsuchungen, die ihnen

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wegen ihres Christusglaubens zufallen (Mt 10,16-23; Mk 8,34-38; 13,9-13; Lk 9,23-26). Der Tod Jesu war kein Abschied für immer. Denn das Leben Jesu hatte seine entscheidende Nachgeschichte in der Auferweckung. Auch der Abschied auf dem Ölberg war nichts End­gültiges. Er war zwar endgültig für den Ver­lauf der Geschichte, aber der von den Seinen Geschiedene wird wiederkommen, um die endgültige Ordnung der Welt vorzunehmen (Mk 14,61 f). Die Hoffnung auf sein Wiederkommen ist nicht nur die Hoffnung auf ein Wiedersehen, sondern die Hoffnung auf die letzte Er­füllung. Man kann diejenigen, die an ihn glauben, ge­radezu als solche charakterisieren, welche die Ankunft des Herrn lieben (2 Tim 4,8). Sie sind Menschen, die in einer letzten Sehnsucht über alles irdische Hoffen und Träumen hinausgreifen. Sie gibt ihnen das Gebet ein: »Es komme dein Reich« (Mt 6,10; vgl. 1 Kor 16,22; Apg 22,20; Didache 10,6; Apg 22,17-20). In dieser Hoffnung gewinnen die Christusgläubigen eine uner­schöpfliche, keiner Resignation anheimfallende Ge­duld (1 Kor 1,7f; 1 Kor 15,50-53; Tit 2,11-14; 1 Thess 4,15-18; 2 Thess 1,3-12; Phil 3,18ff; 1,6; Apg 3,21).

Aber auch innerhalb seiner Verborgenheit ist er gnadenwirksam anwesend. Der von Gott, dem Vater und dem Sohn, gesandte Heilige Geist als die Einheit schaffende personhafte Liebe wirkt stets die freie Hinga­be der Menschen, vor allem der Getauften, an den Heils­­­träger Christus, durch das Wort und das Tun der Kirche.

Die kommende Selbstoffenbarung Jesu wird in der Öffentlichkeit der Geschichte und des Kosmos erfolgen. Wenn es bei Matthäus heißt, dass das Zeichen des Men­schensohnes am Himmel erscheinen wird, so ist dies naturgemäß eine bildliche Aussage. Unter dem Zeichen des Menschensohnes ist wohl Jesus selbst als der von Gott erhöhte, mit Macht und Herrlichkeit ausgestattete zu verstehen. Wenn sich der Erhöhte offenbart, dann wird sich niemand seinem Anblick und seiner Entscheidung entziehen können (Mt 24,30). Häu­fig wird sein Kommen mit einem Worte bezeichnet, welches ein Fachausdruck für den Staatsbesuch von Seiten eines Herrschers ist, nämlich mit dem Worte: Parusie (Mt 24,3. 27; 1 Kor 15,23; 1 Thess 2,19; 3,13; 4,15; 5,23; 2 Thess 2,18f; Jak 5,7f; 2 Petr 1,16; 3,7. 12; 1 Joh 2.28).

Von dem Besuch eines Herrschers erwartete man in der Frühzeit, wie in einem analogen Sinn heute noch, die Befreiung von den irdischen Nöten. Von den letz­ten Nöten, von der Sünde, dem Unfrieden, dem Tod und der Todesangst kann indes kein irdischer Herr­scher befreien. Die Christusgläubigen erwarten die Rettung von diesen Bedrückungen von dem wieder­kommenden Herrn (Phil 3,18ff; 1,6). Statt des Aus­drucks Parusie treffen wir in den Pastoralpredigten das Wort Epiphanie (2 Thess 2,8; 1 Tim 6,14; 2 Tim 1,10; 4,1. 8; Tit 2,13). Die Wiederkunft Christi wird die Voll-Erlösung bringen. Sie ist ein Tag der Freude. Sie ist ein Tag, der Tag des Herrn (1 Kor 1,7f; 3,13; 5,5; 2 Kor 1,14; 6,2; 1 Thess 5,2; 2 Thess 1,7; 2,2. 8; Phil 1,6. 10; 2,16; 1 Tim 6,14; 2 Tim 1,12; 4,1. 8; 2 Petr 2,13; Kol 3,4; Eph 4,30). Paulus schildert das Kommen Jesu Christi mit den Mitteln der Apokalyptik. Es wird z.B. mächtigen Posaunenschall geben. Gemeint ist mit den mythischen Bildern immer die unwiderstehliche Macht, mit der Christus die Geschichte und die Welt ergreift (1 Kor 1,7f; 3,13; 4,5; 5,5; 15,30 53; 2 Kor 1,14), richtet und vollendet.

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3. Kapitel

Die kirchliche Lehre

 Die Kirche hat die Offenbarung von dem zweiten Kommen Christi in ihre Glaubensbekenntnisse aufgenommen (DS 10-76) und auf der IV. Kirchenversammlung im Lateran (1215) definiert (DS 801). Insbesondere drückt sie in ihrer Liturgie unzählige Male die Hoffnung auf den wiederkommenden Christus aus. Am eindringlichsten proklamiert sie diese ihre Zuversicht und ihren Glauben in ihrer Zentralfeier, in der Eucharistie.

 

4. Kapitel

Der Zeitpunkt

1. Ungewissheit der Zeit

 Zahlreiche und tiefgreifende Kontroversen entstan­den über die Frage nach dem Zeitpunkt der Wieder­kunft Christi. Die Schrift gibt hierfür keine Anhalts­punkte. Die Frage muss völlig offen bleiben. Christus lehnt es ausdrücklich ab, ein Datum zu nennen (Mk 13,22; Mt 23,36-44;25,1-40; vgl. Apg 1,7; 1 Thess 5,1; 2 Petr 3,10). Das Problem hängt auf das engste zusammen mit dem Problem des Reiches Gottes, und zwar deshalb, weil sich das Reich Gottes in Jesus Chri­stus verkörpert. Es kann daher hier auf die Ausführun­gen über das Kommen des Gottesreiches verwiesen werden.

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Es erheben sich jedoch bezüglich der Wiederkunft Jesu Christi einige Sonderfragen, die noch einer Erör­terung bedürfen. Wie früher in Band 4 betont wurde, behaupten die Vertreter des konsequenten Eschatolo-gismus (Es seien angeführt: A. Schweizer, M. A. Loisy, L.A.Muirhead, H.L.Jachson, W.Martin, W.G.Küm­mel, C.Guignebert, M. H. Goguel.), dass Jesus und seine Jünger der Meinung gewesen seien, es stehe ein unmittelbares Eingreifen Gottes bevor, durch welches die Herrschaft Gottes in der ganzen Welt aufgerichtet und Jesus das Haupt der neuen Welt werde. Als Jesus gesehen habe, dass er sterben müsse, bevor die neue Welt erscheine, habe er sich der sicheren Hoffnung hingegeben, dass er nach dem Tode sogleich wieder­kommen und die Neuordnung vornehmen könne. Diese Hoffnung habe er an seine Jünger vererbt. So habe das Urchristentum mit dem baldigen Kommen Christi ge­rechnet. Da es sich in diesen Erwartungen getäuscht sah, habe man sich allmählich in Kult und Verwaltung auf eine lange Dauer eingerichtet. Die Theologie vom Tode und von der Auferstehung Jesu sei die Folge der verzögerten Parusie.

Zur Beurteilung dieser Thesen muss man sagen, dass sie sich auf eine Reihe von Äußerungen Jesu stützen zu können scheinen (Mt 10,23 [Aussendungskapitel]; Mt 16,27f; 24,32ff, [Gerichtsrede]; 13,28-31; Lk 21,20-23; Mt 26,64 [Rede Jesu vor den Richtern]; Vgl. Mk 14,62; Mk 9,1). Diesen Texten stehen jedoch ebenso eindeutig gesicherte Schriftaussagen gegen­über, welche die Wiederkunft Christi in eine ferne, un­bestimmte Zukunft verlegen. So wird mit einer langen Entwicklung der Kirche gerechnet (Mt 13,24-33; Mk 4,30ff; Lk 13,13ff). Ferner sollen die Heiden zum Ein­tritt in die Gottesherrschaft eingeladen werden (Mt 21,33-44; Mk 12,1-11; Lk 14,15-24; 20,9-18). Das

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Evangelium soll in der ganzen Welt verkündet werden (Mt 24,14; 26,13;28,18ff; Mk 13,10; 16,15-18). In die gleiche Richtung weist die Verheißung des Heiligen Geistes, welcher der unsichtbare Stellvertreter Jesu Christi auf Erden sein soll.

Wenn auch kein voll befriedigender Ausgleich dieser Texte möglich zu sein scheint, so zeigt sich doch, dass es einseitig wäre, nur die für eine Naherwartung spre­chenden Aussagen gelten zu lassen.

 

2. Wiederkunft Christi und Auferstehung

Vor allem scheitert der konsequente Eschatologismus an dem neutestamentlichen Zeugnis von der Auf­er­stehung Jesu. Die Lehre vom Tode und von der Aufer­weckung ist nachweisbar nicht die Folge der uner­füllten Parusie-Erwartung. Sie gehört vielmehr von vorneherein zum Grundbestand der neutestamentli­chen Zeugnisse. Sie ist nicht die Folge, sondern der Grund auf die Hoffnung von der Wiederkunft Christi. Sie stellt den Wendepunkt der Geschichte dar. Sie ist der Kern des christlichen Glaubens so sehr, dass sich der Gläubige immer wieder zu ihr in die Vergangenheit zurückwenden muss. Es wird das Entscheidende von der Zukunft erwartet, eben die zweite Ankunft Christi. Der Blick richtet sich aber auf die Zukunft nur, weil diese garantiert ist durch die Auferweckung Jesu. Die Auferstehung Aller ist der Angelpunkt des Glaubens. Die Auferweckung des Herrn ist die Bürgschaft für die letzte Erfüllung, die Konsequenz der Auferweckung. Es kann nicht zweifelhaft sein, dass sie eintreten wird. Es ist eine Frage der Zeit, wann sie kommen wird. Die Frage der Zeit hat zwar eine große Tragweite. Den­noch ist sie sekundär. Sie tritt zurück gegenüber dem

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Faktum, dass Jesus lebt und dass mit seiner eigenen Auferweckung die Erweckung aller Menschen eröffnet worden ist. Man kann die ganze, mit der Auferweckung Jesu eingeleitete Epoche geradezu zu einem einzigen Jetzt zusammenfassen. Seit der Auferste­hung Jesu stehen die Menschen in einem völlig neuen Zeitabschnitt.

Eine verfrühte Hoffnung auf die Auferweckung er­klärt sich in dieser Situation ähnlich wie etwa voreilige Datumsbestimmungen eines Kriegsendes, wenn ein­mal die Entscheidungsschlacht stattgefunden hat. In dem urchristlichen Lichte des Auferstehungsglaubens ist der ganze mit dem Wort »Parusieverzögerung« um­schriebene Fragenkomplex nicht mehr von Gewicht, wenngleich er seine psychologische Bedeutung be­hält.

3. Die Parusierede bei Markus

Zwei Einzelfragen seien noch herausgehoben. Die eine betrifft die sogenannte synoptische Apokalypse bei Mk 13, die andere die paulinische Parusielehre. Die bei Markus berichtete Parusierede (vgl. Mt 14,1-51; 21,5-36) stellt keine literarische Einheit dar. Sie ist eine von einem Redaktor vorgenommene Zusammenstel­lung von Einzelsprüchen und einzelnen Spruchgrup­pen. Die Grundlage bilden echte Worte Jesu. Doch hat auf die Endredaktion auch die urchristliche Kate­chese und die Erfahrung der Urgemeinde Einfluss aus­geübt. Der Text will keine Belehrung über die Vorzeichen des Weltendes und keine Terminbestimmung geben. Er ist eine eschatologisch modifizierte Paränese, in welcher zur Wachsamkeit aufgefordert wird. Ähnli­ches gilt von dem Text Lk 17,2-37.

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4. Die paulinischen Texte

Am stärksten drückt sich die Hoffnung auf das bal­dige Kommen des Herrn in den paulinischen Briefen aus. Es wäre jedoch eine Überforderung der Briefe, in ihnen eine förmliche Lehre zu sehen. Wenn umgekehrt nach dem umwälzenden Ereignis der Christuserfah­rung des Apostels die Wiederkunft des Herrn nicht während seines ganzen Lebens am Horizont seiner Hoffnungen gestanden hätte, so wäre dies eine kaum verständliche Haltung. Nichts war für Paulus bewe­gender als diese Erwartung. Sie bildet in seinen Brie­fen das wirkungsvollste Motiv, mit dem er seine Leser (und sich selbst) zur Treue auffordert. Mit dieser Hoff­nung tröstet und stärkt er das Herz der Gläubigen in al­len Anfechtungen (1 Thess 1,3f; 2,19; 4,15; 1 Kor 1,8f; 7,26; 10,11; 15,51; 16,22; Kol 3,14; Röm 13,11f; Phil 1,1. 6. 9; 2,12-16; 4,15; Eph 4,30; 1 Tim 6,14; 2 Tim 1,12. 18; Tit 2,13; Hebr 10,25.37).

Für die Beurteilung seiner Gedankengänge sind fol­gende Texte die wichtigsten: 1 Thess 4,3-5,11 aus dem Jahre 52; 2 Thess 2, 1 ff; Röm 2,13ff; 8,10-20 aus dem Jahre 58; 1 Kor 7,25-35; 15,5ff aus dem Jahre 56; 2 Kor 5,1-10 aus dem Jahre 57 und endlich Phil 1,20-23, etwa aus dem Jahre 63. In den älteren Paulus­briefen ist der Blick eindeutig auf die Wiederkunft Christi (nicht auf den eigenen Tod vor Christi Kom­men) gerichtet. In die Hoffnung hierauf ist weniger der einzelne als vielmehr die Gesamtheit oder wenigstens eine ganze Gemeinde einbezogen. Im ersten Schrei­ben an die Thessalonicher tröstet er die Gemeinde, die sich wegen des Schicksals der vor der Ankunft Christi Entschlafenen große Sorgen macht, mit dem Hinweis darauf, dass die im Tode Vorangegangenen keinen Nachteil erleiden werden. Sie werden bei der Wieder-

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kunft Christi erweckt, während die bei der Wieder­kunft noch Lebenden (Paulus rechnet sich durch das Wort »wir« formell wenigstens zu ihnen) verwandelt werden. Beide gewinnen das vollendete Leben. Ähn­lich steht es mit dem 1. Korintherbrief und mit dem Brief an die Römer.

In dem Schreiben an die Philipper spricht der Apo­stel die zuversichtliche Hoffnung aus, dass er durch den Tod die sofortige Vereinigung mit Jesus Christus erreichen werde. Er hat Sehnsucht, abzuscheiden und mit Christus zu sein. Dies dünkt ihm unvergleichlich viel besser als weiterzuleben, wenngleich er noch wichtige Aufgaben der Verkündigung vor sich sieht. Paulus hat damit eine Hoffnung ausgesprochen, die wohl im zweiten Brief an die Korinther durchschim­mert, aber vor dem Schreiben nach Philippi nirgends klar formuliert worden ist. Vielfach hat man daher zwi­schen den eschatologischen Vorstellungen des Apo­stels im Philipperbrief und denjenigen in den vorausge­henden Briefen einen Widerspruch angenommen. Man glaubte, dass sich Paulus von einer Eschatologie, deren Wurzel die jüdisch-eschatologische Denkweise ist, fortentwickelt habe zu einer Zukunftshoffnung, deren Wurzel hellenistisch-pneumatisch ist. In Wahr­heit ist eine solche These nicht hinreichend zu begrün­den. Wenngleich der Sinn von 2 Kor 5,1-10 umstritten ist, so drückt sich doch in diesem Texte zwar seine Furcht vor dem Tode aus, zugleich aber die Erwar­tung, dass er nach seinem Tode jene Vollendung er­warten dürfe, welche am Tage der Parusie eintreten werde. Das »Sein mit Christus«, welches Paulus nach dem Philipperbrief erhofft, ist in der Tat ohne eine ent­scheidende Verwandlung nicht möglich, wenngleich diese erst am Tage des Gerichts ihre Vollgestalt errei­chen werde.  

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So scheint im 2. Brief an die Korinther angedeutet zu sein, was im Briefe an die Philipper zum ersten Mal klar ausgesprochen ist. Dass dies keinen grundsätzli­chen Wandel in den eschatologischen Überzeugungen des Apostels bedeutet, zeigt sich an der Tatsache, dass er auch im Philipperbrief von dem Tage der Parusie re­det, an dem Christus als Retter erscheinen und den Leib der Niedrigkeit dem Leibe seiner eigenen Herrlich­keit gleichgestalten werde (Phil 3,20f). Auch in dem Philipperbrief wird die Vollerlösung erst vom Tage der Parusie erwartet. Man darf bei der Beurteilung der ein­zelnen Texte die Situation nicht übersehen, in welcher sie geschrieben worden sind. Wenn z.B. Paulus die Gemeinde in Thessaloniki ob der Sorgen über das Schicksal der Entschlafenen tröstet, so bedeutet dies keine vollständige Belehrung über das Wiederkommen Christi. Es wird nur ein Punkt herausgehoben, nämlich jener, der als Trost für die Gemeinde von Bedeutung ist. Dies heißt aber nicht, dass die Gesamtanschauung des Apostels Paulus zum Ausdruck kommt. So kann die im Philipperbrief klar formulierte These auch im er­sten Thessalonicherbrief schon vertreten sein, ohne dass sie formell ausgesagt worden wäre.

Je mehr sich Paulus von den Leiden und Niederla­gen in seiner missionarischen Tätigkeit bedrückt sieht und seinen eigenen Tod herankommen spürt, um so stärker bewegt ihn die Frage nach seinem eigenen Schicksal, nach dem Schicksal des Einzelnen sogleich nach dem Tode. Darauf gibt er im Philipperbrief (aber auch im Texte des 2. Korintherbriefes) eine Antwort. Was er an diesen Stellen sagt, ist infolgedessen eine Ergänzung zu seinen übrigen Ausführungen über die Parusie Jesu Christi, nicht ein Widerspruch zu ihnen. Solange nicht das Schicksal des einzelnen als Problem vor sein Auge trat, hatte er keinen Anlass, darüber

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nachzudenken. Was sich jedoch durch alle Briefe hin­durch hält, ist die Überzeugung, dass erst das zweite Kommen Christi die Vollerlösung bringen werde. Gera­de aus der Tatsache, dass der Apostel auch dort, wo er eindeutig und bestimmt den Gedanken ausspricht, er werde vor der Wiederkunft Christi sterben, mit unver­minderter Festigkeit die zweite Ankunft des Herrn als die Stunde der Vollendung proklamiert, muss man schließen, dass ihm in den früheren Briefen mit ihrer Betonung der Hoffnung, die Parusie erleben zu dür­fen, der Gedanke, vorher sterben zu müssen, nicht völlig ferne lag (siehe auch 1 Tim 6,13ff; Tit 2,15).

5. Weitere neutestamentliche Aussagen  

Die übrigen neutestamentlichen Schriftsteller wei­chen von der Ansicht und dem Geiste des Apostels Paulus in unserer Frage nicht ab. Sie bezeichnen die durch Christus herbeigeführte Zeit, wie sich früher schon zeigte, als die letzte Zeit (1 Petr 1,20; 4,7; 2 Petr 3,20; Jud 18; 1 Job 2,18). Es liegt ihnen ferne, ein na­hes oder ein fernes Datum anzugeben. Was ihnen am Herzen liegt, ist die Aufforderung zur Beharrlichkeit und zur Wachsamkeit (Jak 2,7f; 2 Petr 3,1-14). Der zweite Petrusbrief wendet sich mit größtem Nach­druck gegen die Zyniker, welche spöttisch fragen, wo denn die Ankunft des Herrn bleibe. Es ändere sich doch nichts, vielmehr laufe die ganze menschliche Geschichte immerfort weiter, wie dies von Anfang an ge­schah. Petrus erwiderte darauf, dass bei Gott andere Zeitmaße gelten als beim Menschen. Für Gott sind 1000 Jahre, was für den Menschen ein Tag ist. Im übrigen säume Gott mit dem Gerichte gerade deshalb, weil er den Sündern Zeit zur Buße lassen wolle.