Johannes Paul II - GENERALAUDIENZ

Mittwoch 14. Februar 2001

 

1. Der Heilsplan Gottes, »das Geheimnis seines Willens« (Eph 1,9) hinsichtlich jedes Geschöpfes, wird im Epheserbrief mit einem besonderen Begriff zum Ausdruck gebracht: in Christus alles, was im Himmel und auf Erden ist, zu »vereinen« (Eph 1,10). Dieses Bild könnte auch auf den Stab hindeuten, um den die Pergament-oder Papyrusrolle des »volumen« gewickelt war mit der Aufschrift: Christus verleiht allen Silben, Worten und Werken der Schöpfung und der Geschichte einen einheitlichen Sinn.

Der erste, der dieses Thema der »Rekapitulation« erkannte und auf wunderbare Weise entwickelte, war der hl. Irenäus, Bischof von Lyon, ein bedeutender Kirchenvater aus dem 2. Jahrhundert. Gegen jede Fragmentierung der Heilsgeschichte, gegen jede Trennung zwischen Altem und Neuem Bund, gegen jede Zersplitterung der Offenbarung und des göttlichen Wirkens preist Irenäus den einen Herrn Jesus Christus, der in der Menschwerdung die ganze Heilsgeschichte, die Menschheit und die gesamte Schöpfung in sich vereint: »der ewige König […], der in sich alles rekapitulieren würde« (Adversus haereses, III, 21,9 – Bibliothek der Kirchenväter, Kempten/München 1912).  

 

2. Wenden wir uns nun einem Textabschnitt zu, in dem dieser Kirchenvater die Worte des Apostels über die Zusammenfassung aller Dinge in Christus kommentiert. Zum Begriff »alles« – so betont Irenäus – gehört auch der Mensch, der berührt wurde vom Geheimnis der Menschwerdung, indem der Sohn Gottes, »der Unsichtbare, sichtbar wurde, der Unbegreifbare begreifbar, der Leidensunfähige leidensfähig, das Wort Mensch. So faßte er in sich das All zusammen, damit er, wie das Wort in den überhimmlischen und geistigen Dingen Herrscher ist, ebenso in den sichtbaren und körperlichen Dingen herrsche, indem er auf sich die Herrschaft nahm und sich zum Haupte der Kirche einsetzte, und damit er alles an sich ziehe zu der passenden Zeit« (Adversus haereses III, 16,6). Dieses Zusammenfließen allen Seins in Christus, Mittelpunkt von Raum und Zeit, vollzieht sich in der Geschichte schrittweise, indem es die Hindernisse und die Widerstände der Sünde und des Bösen überwindet.  

3. Zur Veranschaulichung dieser Spannung bedient sich Irenäus des schon von Paulus dargestellten Gegensatzes zwischen Christus und Adam (vgl. Röm 5,12 –21): Christus ist der neue Adam, das heißt der Erstgeborene der treuen Menschheit, die den von Gott als Seele und Ziel der Geschichte festgelegten Erlösungsplan in Liebe und Gehorsam aufnimmt. Christus muß also das Werk der Verwüstung, die schrecklichen Götzenkulte, die Gewalttaten und jede Sünde, die der ungehorsame Adam in den Jahrhunderten der Menschheitsgeschichte und im Gesichtskreis der Schöpfung verbreitet hat, beseitigen. Durch seinen vollkommenen Gehorsam gegenüber dem Vater eröffnet Christus die Epoche des Friedens mit Gott und zwischen den Menschen und versöhnt in sich die versprengte Menschheit (vgl. Eph 2,16). In sich »rekapituliert« er Adam, in dem sich die ganze Menschheit wiedererkennt, er verwandelt ihn in einen Sohn Gottes und führt ihn zur vollen Gemeinschaft mit dem Vater zurück. Gerade durch seine Verwandtschaft mit uns im Fleisch und Blut, im Leben und Tod wird Christus »das Haupt« der geretteten Menschheit. An anderer Stelle schreibt der hl. Irenäus: »Die Rekapitulation des von Anfang an vergossenen Blutes aller Gerechten und der Propheten, sowie die Rückforderung dieses Blutes werde durch ihn [Christus] selber erfolgen« (Adversus haereses, V, 14,1; vgl. V, 14,2).  

4. Gut und Böse werden also im Licht des Erlösungswerks Christi betrachtet. Wie uns Paulus nahelegt, betrifft dieses Werk die gesamte Schöpfung in der Vielfalt ihrer Bestandteile (vgl. Röm 8,18 –30). So wie die Natur selbst der Sinnwidrigkeit, dem Verfall und der von der Sünde verursachten Zerstörung unterworfen ist, so hat sie auch Anteil an der Freude der Befreiung, die Christus im Heiligen Geist erwirkt hat. 

Auf diese Weise zeichnet sich die volle Verwirklichung des ursprünglichen Plans des Schöpfers ab: der Plan einer Schöpfung, in der Gott und Mensch, Mann und Frau, Menschheit und Natur sich im Einklang, im Dialog und in Gemeinschaft befinden. Christus hat diesen von der Sünde durcheinandergeworfenen Plan auf noch wunderbarere Weise wiederaufgenommen, und er führt ihn aus – geheimnisvoll, aber tiefwirkend in der gegenwärtigen Wirklichkeit –, in der Erwartung, ihn zu vollenden. Jesus selbst hat sich selbst als Kern und Konvergenzpunkt dieses Heilsplans vorgestellt, als er sagte: »Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen« (Joh 12,32). Der Evangelist Johannes stellt dieses Werk als eine Art »Zusammenfassung« dar, »um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln« (Joh 11,52).  

5. Dieses Werk wird – wie wiederum Paulus uns in Erinnerung ruft – am Ende der Geschichte zur Vollendung kommen, nämlich dann, wenn Gott »alles und in allem« (1 Kor 15,28) sein wird. 

Der letzte Abschnitt der Offenbarung, der zu Beginn unserer Begegnung vorgelesen wurde, beschreibt sehr anschaulich dieses Ziel. Die Kirche und der Geist sind in Erwartung und erflehen den Augenblick, an dem Christus, »wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat […] seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt […] Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. Sonst hätte er [Gott] ihm [seinem Sohn] nicht alles zu Füßen gelegt« (1 Kor 15,24.26). 

Zum Schluß dieses Kampfes, der in der Offenbarung wundervoll dargestellt ist, wird Christus die »Rekapitulation« vollziehen. Die mit Christus Vereinten werden die Gemeinschaft der Erlösten bilden. »Diese wird nicht mehr unter der Sünde, den Unreinheiten, der Eigenliebe, die die irdische Gemeinschaft der Menschen zerstören oder verwunden, zu leiden haben. Die beseligende Schau, in der sich Gott den Auserwählten unerschöpflich öffnet, wird die nie versiegende Quelle von Glück, Frieden und Gemeinschaft sein« (Katechismus der Katholischen Kirche, 1045). 

Die Kirche, die liebende Braut des Lammes, richtet ihren Blick fest auf jenen Tag des Lichtes und erhebt ihre flehentliche Anrufung: »Marànatha(1 Kor 16,22), »Komm, Herr Jesus (Offb 22,20).  


Liebe Schwestern und Brüder! 

Gottes Heilsplan, wie er im voraus bestimmt hat, lautet: in Christus alles vereinen, was im Himmel und auf Erden ist (vgl. Eph 1,9-10). Diesen Gedanken, aus dem Epheserbrief, hat der Heilige Iräneus von Lyon weiterentwickelt. Obwohl die Heilsgeschichte mitunter Fragment ist und die göttliche Offenbarung bisweilen gleichsam gebrochen ist, preist Iräneus den einzigen Herrn Jesus Christus. Er ist es nämlich, der in der Menschwerdung die ganze Heils- und Schöpfungsgeschichte in sich vereint: “Er, der König in Ewigkeit, vereint alles in sich” (Adversus haereses III, 21, 9). Dieses Werk der Vereinigung ist vollendet, wenn Gott alles in allem ist.

Die mit Christus Vereinten werden die Gemeinschaft der Erlösten bilden, “die heilige Stadt” (Offb 21,2). Sie leidet nicht mehr unter Sünde und Eigenliebe. “Die beseligende Schau, in der sich Gott den Auserwählten unerschöpflich öffnet, wird die nie versiegende Quelle von Glück, Frieden und Gemeinschaft sein.” (vgl. KKK, 1045). 

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Mit diesen Gedanken grüße ich die Pilger und Besucher, die aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Ich grüße auch alle Hörer von “young radio”, der neuen Internetseite von Radio Vatikan. Möge Euch das Hören Freude am Glauben bereiten. Euch, Euren Angehörigen daheim und allen, die mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbunden sind, erteile ich gern den Apostolischen Segen.