Auszug aus: ZeLeM
Verein zur Förderung des messianischen Glaubens in Israel e.V.

Nr 147 Juli-September 2003
 
Was bedeutet das Wort "Äon"?
 
Immer wieder hört man aus wenig berufenem Munde der Anhänger der Allversöhnungslehre, dass die Ewigkeit teilbar wäre, weil das griechische Wort "äon" heißt und angeblich nur eine bestimmte Zeitspanne umfaßt. In Wahrheit jedoch lautet die Grundbedeutung für "äon" Lebenskraft oder Lebensdauer. Es war Platon, der den Terminus "äon" gebrauchte, um damit eine Zeitdauer anzudeuten, die jede Aufeinanderfolge von Tagen und Jahren ausschließt (Ewigkeit im philosophischen Sinne).

Dieser Begriff kommt in der jüdischen Literatur nicht vor. Hier ist "äon" genau wie "olam wa-ed" die unübersehbare Zeitdauer, mit der ein Geschlecht dem anderen folgt (Pred. 1,4). In der älteren jüdischen Eschatologie gab es zwischen der von keinem Übel anfechtbaren messianischen Zu­kunft und dem schmerzhaften Heute keinen Bruch: es waren zwei Phasen derselben Weltdauer. Diese Kontinuität wurde in der apokalyptischen Literatur an­gelehnt: die heutige Zeit ist der "Äon der Ungerechtigkeit" (Hen. 48,7), "befleckt von Sünden", der einem neuen Äon der Heiligkeit und Glückseligkeit, in dem die Gerechten belohnt werden sol­len, weichen muß. Man findet in dieser Literatur die Ausdrücke "dieser Äon, praesens saeculum" und der künftige Äon, futurum venturum saeculum" als zwei ra­dikal entgegengesetzte Größen; in der rabbinischen Literatur be­kannt als "ha-olam ha-seh" (diese Welt im Sinne dieses Äons) und "ha-olam ha-ba" (die künftige Welt im Sinne jenes kommenden Äons). Bereits To­bias 14,56 liegt diese Auffassung zugrunde. Bei dieser Verwen­dung geht die Bedeutung von Äon in die von Kosmos (= Well) über. Damit habe Gott nicht einen, sondern zwei Äone ge­schaffen. Der erste, "böse Äon", erstreckt sich von der Schöpfung bis zum "Tage des Gerichts" (hebr: mischpat elohim); er ist also nach, beiden Seiten be­grenzt. Der kommende Äon be­ginnt am "Tag des Gerichts" und endet nicht mehr. Er wird des­halb auch der "Große oder end­lose Äon" genannt (Hen. 50,2; 61,2), Die rabbinische Literatur lässt diesen Äon zum Teil schon vor dem Weltende beginnen. In dieser Benennung liegt also eine doppelte Gegenüberstellung: ei­nerseits zeitliche Aufeinanderfolge, andererseits Wesensunter­schied (unvollkommen und sün­dig gegenüber vollkommen und heilig).

Im Neuen Bund wird unsere Jetztzeit mit "diesem Äon" bezeichnet (Matth. 12,32; Luk. 16,8; Rom. 12,2: 1.Kor. 1,20 u.a.). Diesem stellen die Verfasser den kommenden Äon gegenüber (Matth. 12,32; Mark. 10,30; Eph. 1,21). Dass es zwischen beiden einen Gegensatz gibt, zeigt schon Luk 20,34f, wo das Leben der "Kinder dieses Äons" vom Leben derer unterschieden wird, "die des anderen Äons für würdig erachtet werden". Diese Formulierung weist zugleich auf eine "Erwählung" hin; wenn man nur bestimmte Bedingungen erfüllt, soll man am Äon teilhaben. Ebenso wie hier ist auch in 1 Tim. 6,17 (die Reichen in diesem Äon) das Wort Äon moralisch neutral. Ein Gegensatz zu einer höheren Ordnung zeigt sich ebenfalls in 2.Tim. 4,10; dies gilt auch für Matth. 13,22: die Sorge in diesem Äon kann eine Gefahr für das übernatürliche Leben bedeuten. In Luk. 16,8 hat "dieser Äon" in dem Ausdruck "Kinder dieses Äons" auf Grund der Gegenüber­stellung zu "Kinder des Lichtes" unverkennbar eine moralische ungünstige Bedeutung: nicht al­lein physisch steht dieser Äon niedriger als der kommende, sondern auch sittlich. Diese Unterordnung scheint bei diesem Be­griff dazugehört zu haben: in 1.Kor. 1,20; 2,6;'3,18 disqualifiziert er die Weisheit, die sich der Weisheit des Kreuzes widersetzt; und in Eph. 2,2 das Verhallen der Epheser vor ihrer Bekehrung. Darum kann Paulus auch von "diesem bösen Äon" sprechen (Gal. 1,4), über den Satan herrscht, "der Gott dieses Äons" (2.Kor. 4,4). Daher spornt Paulus den Titus an (2,12), fromm in die­sem Äon zu leben, und darum er­mahnt er auch die Römer (12,2), nichts mit "diesem" Äon gemein zu haben. Über das Ende dieses Äons sprechen Matth. 13,39f; 24,3; 28,20; vgl. auch Hebr, 9,26 Auch nach neutestamentlicher Auffassung hat der zukünftige Äon schon im jetzigen Äon sei­nen Anfang genommen: Chri­stus-Messias hat die Gläubigen aus diesem bösen Äon entrückt (Gal. 1,4) und sie die Kraft des kommenden Äons verkosten las­sen (Hebr 6,5). Sachlich deckt sich somit "der kommende Äon" mit dem Reich Gottes, das weder teilbar noch zeitlich begrenzt ist. Daher sind jedwede Spekulatio­nen über eine bestimmte Zeit­dauer der Ewigkeit unbiblisch und unhaltbar. Hinsichtlich der Auffassung, wonach 1.Kor. 15,26 lehrt, dass der Tod aufgehoben sein werde. Der zweite Tod gleicher Art sein müsse wie der erste und deshalb es auch eine Auferstehung aus dem zweiten Tode gebe, sei fol­gendes erklärt:
Mit den Ausdrücken "erster" und "zweiter Tod" soll im Gegenteil ein grundsätzlicher Wesensunterschied festgestellt werden. In 1.Kor. 15 ist nur vom leiblichen Tod und von der Auferstehung des Leibes die Rede; vom zwei­ten Tod dagegen lesen wir gar nichts. Dieser wird erst am Schluss der Bibel erwähnt und zwar gerade als letzte, abschließende Mitteilung über das Los der Verdammten: es betrifft das Endgericht vor dem großen weißen Thron, das den Feuersee zur Folge hat. Damit ist der Schlussstrich über ewige Seligkeit und ewige Verdammnis endgültig gezogen.
Wenn wir in der Endzeit prüfen und in der Erkenntnis wachsen sollen, dann dürfen wir nicht der Versuchung verfallen, uns hin­sichtlich der Ewigkeit etwas vor­zumachen, um nicht eigenem Wunschdenken auf den Leim zu gehen. Also auch in dieser so wichtigen Frage ist Nüchternheit vonnöten, sonst hätte Satan einen zusätzlichen Triumph, wenn Sünde nicht mehr ernst ge­nommen würde, weil wir ohnehin versöhnt und gereinigt wären und zwar ohne unseren Willen und ohne unsere Beteiligung. Dies ist Irrlehre, und der Beweis liegt mit diesem Editorial vor!

Schalom uwracha le-kol ha-cha-werim be-schem schel Jeschua ha-Maschiach.
Der Friede und Segen sei mit allen Geschwistern im Namen von Jesw. dem Christus.
 
In Seiner Liebe
 Klaus Mosche Pülz