Heilige Hildegard von Bingen

Kirchenlehrerin 

Scivias

"Wisse die Wege"

Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit

11. Vision des 3. Teils

Das Ende der Zeiten

(Pattloch-Verlag)


Die Abschnitte der 11. Vision des 3. Teils


Dann schaute ich nach Norden:

Siehe, da standen dort fünf wilde Tiere. Das eine war wie ein feuriger, aber nicht brennender Hund, eines wie ein dunkelgelb gefärbter Löwe, ein anderes glich einem fahlen Pferd, das nächste einem schwarzen Schwein und ein weiteres einem grauen Wolf. Sie wandten sich nach Westen; und dort im Westen erschien vor diesen Tieren etwas wie eine Anhöhe mit fünf Gipfeln. Und aus dem Rachen eines jeden Tieres reichte ein Seil bis zu jeder einzelnen Spitze des Hügels; sie waren alle schwärzlich gefärbt, mit Ausnahme des Seils, das aus dem Wolfsrachen kam. Dieses schien teils schwarz, teils weiß zu sein. Und plötzlich sah ich im Osten wiederum jenen jungen Mann, den ich früher über der Verbindungsecke zwischen der erwähnten Licht- und Steinmauer des besagten Gebäudes mit einer purpurroten Tunika bekleidet gesehen hatte, über diesem Winkel. Jetzt erschien er mir aber von seinem Nabel an abwärts, und zwar so, daß er vom Nabel bis zu der Stelle, an der man den Mann erkennt, wie das Morgenrot leuchtete; dort lag eine Leier quer mit ihren Saiten. Und von dieser Stelle an abwärts war er, bis zu zwei Fingerbreit über seinem Knöchel, umschattet; und von diesem Streifen an, der von oben bis an den Knöchel reichte, erschienen seine ganzen Füße weißer (candidior) als Milch. Doch auch die Frauengestalt, welche ich früher an dem Altar vor den Augen Gottes erblickt hatte, wurde mir jetzt wiederum dort gezeigt, und zwar so, daß ich auch sie nur von der Mitte ihres Leibes an abwärts sah. Sie hatte nämlich von ihrem Nabel bis zu der Stelle, an der man die Frau erkennt, verfärbte und schuppige Flecken. An derselben Stelle des weiblichen Erkennungsmerkmals erschien ein unförmiges pechschwarzes Haupt mit feurigen Augen, eselsgleichen Ohren und mit Nase und Rachen wie ein Löwe sie hat. Mit weit aufgerissenem Maul knirschte es und wetzte schreckenerregend die furchtbaren eisenartigen Zähne. Doch von diesem Haupt bis zu ihren Knieen war diese Gestalt weiß und rot und wie von vielen Schlägen hart mitgenommen (contritione tunsa); von den Knieen jedoch bis zu den beiden Querstreifen, die oben an den Knöchel rührten und weiß erschienen, sah sie blutig aus. Und plötzlich löste sich dieses unförmige Haupt mit so großem Getöse von seiner Stelle, daß die ganze Frauengestalt in all ihren Gliedern davon erzitterte. Aber auch eine Unmenge von Kot befand sich um das Haupt; es erhob sich daraus wie über einen Berg und versuchte, zur Himmelshöhe aufzusteigen. Und da ertönte plötzlich etwas wie ein Donnerschlag und traf das Haupt mit solcher Wucht, daß es von diesem Berg herabstürzte und seinen Geist im Tode aushauchte. Da ergriff sogleich ein so übelriechender Dunst den ganzen Berg und das Haupt wurde darin von so großem Schmutz bedeckt, daß das dabeistehende Volk in größten Schrecken versetzt wurde. Der Dunst aber blieb noch etwas länger um diesen Berg herum. Als das anwesende Volk das sah, rief es sich angsterfüllt gegenseitig zu: ,Ach weh, was ist das? Was scheint euch das gewesen zu sein? Ach wir Unglücklichen, wer wird uns beistehen? Oder wer wird uns befreien? Wir wissen nämlich nicht, auf welche Weise wir getäuscht wurden. O allmächtiger Gott, erbarme dich unser! Wir wollen zurückkehren. Laßt uns daher eilends zum Bund des Evangeliums Christi umkehren, denn, ach, ach, ach, wir sind bitter getäuscht worden.' Und plötzlich erschienen die Füße der erwähnten weiblichen Gestalt glänzendweiß und leuchteten heller auf als der Glanz der Sonne. Und ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sprechen.

 

1. Vom unaufhaltsamen Dahineilen der fünf Weltreiche

Obzwar alles auf Erden seinem Ende zustrebt — die Welt ist nämlich durch das Abnehmen ihrer Kräfte für ein Ende bestimmt und von vielen Drangsalen und Unglücken erdrückt, niedergebeugt — wird die Braut meines Sohnes dennoch keineswegs aufgerieben, obgleich ihr sowohl von den Vorboten des Sohnes des Verderbens als auch vom Verderber selbst in ihren Kindern sehr zugesetzt wird. Doch wenn sie auch viel von ihnen bekämpft wird, erhebt sie sich am Ende der Zeiten stärker und kräftiger und wird schöner und strahlender, um so lieblicher und anziehender zur Umarmung ihres Geliebten zu erscheinen. Das deutet auch diese Vision in mystischer Weise an, die du wahrnimmst. Du schaust nämlich nach Norden und siehe, da stehen dort fünf wilde Tiere. Das sind die dahineilenden fünf weltlichen Reiche in den fleischlichen Begierden, denen der Makel der Sünde anhaftet (non deest): wild wüten sie gegeneinander.

 

2. Was der feurige Hund bezeichnet

Das eine davon ist wie ein feuriger, aber nicht brennender Hund, weil dieser Zeitabschnitt bissige Menschen in die Welt setzen wird (suae constitutionis habebit). Nach ihrer Meinung erscheinen sie zwar wie Feuer, doch sie brennen nicht in der Gerechtigkeit Gottes.

 

3. Was der dunkelgelbe Löwe bezeichnet

Und eines ist dunkelgelb gefärbt wie ein Löwe. Denn diese Epoche wird kampflustige Menschen zu tragen haben; sie werden viele Kriege entfachen, doch dabei nicht das Recht (rectitudinem) Gottes beachten. In dunkelgelber Farbe nämlich beginnen jene Reiche in Schwäche dahinzuwelken (fatigationem debilitatis incurrere).

 

4. Was das fahle Pferd bezeichnet

Ein anderes aber gleicht einem fahlen Pferd. Denn diese Zeiten bringen in der Sündenflut Ausschweifende hervor, die in ihrer lebhaften (in veloci-tate) Begierde das Wirken der Tugendkräfte überspringen. So wird das Herzstück jener Reiche in der Blässe seines Untergangs zerbrochen, weil es die Röte seiner Kraft vollends verliert.

 


5. Was das schwarze Schwein bezeichnet

Das nächste aber einem schwarzen Schwein, weil diese Epoche führende Persönlichkeiten (rectores) hat, welche die große Schwärze der Schwermut in sich tragen und sich im Kot der Unreinheit wälzen. Sie setzen nämlich das göttliche Gesetz in vieler widernatürlicher Unzucht und anderen ähnlichen Schlechtigkeiten hintan und verursachen viele Spaltungen in den unverletzlichen (in sanctitate) göttlichen Geboten.

 

6. Was der graue Wolf bezeichnet  ( das ist die  Zeit nach 2009)

Ein weiteres aber einem grauen Wolf. Denn in jenen Zeiten leben Menschen, die viel Raub an Macht und anderen Erfolgen an sich bringen. Wenn sie sich bei diesen Streitereien weder schwarz noch weiß, sondern grau in ihren Listen zeigen, stürzen sie die Häupter jener Reiche und teilen sie auf. Dann kommt nämlich die Zeit, da viele Seelen verunsichert werden (tem-pus irretitionis), wenn sich der Wahn der Irrtümer (error errorum) von der Unterwelt bis zum Himmel erhebt, so daß die Kinder des Lichts in die Kelter ihrer Leiden geworfen werden, weil sie den Sohn Gottes nicht verleugnen, sondern den Sohn des Verderbens verwerfen, der versuchen wird, mit teuflischen Listen seine Absichten auszuführen. Und diese Tiere wenden sich nach Westen; denn diese vergänglichen Zeiten schwinden mit der untergehenden Sonne dahin, denn wie die Sonne auf-und untergeht, so geht es auch den Menschen: dieser wird geboren und jener stirbt.

 

7. Was die Anhöhe mit den fünf Gipfeln und den fünf Seilen der Tiere bezeichnet

Deshalb erscheint auch dort im Westen vor diesen Tieren etwas wie eine Anhöhe mit fünf Gipfeln. Denn die geordnete Gewalt zeigt in den fleischlichen Begierden Ausbrüche, die fünf Höhepunkte bilden. So reicht aus dem Rachen eines jeden Tieres ein Seil bis zu jeder einzelnen Spitze des Hügels. Denn vom Beginn dieser Zeiten an erstreckt sich die Dauer der Entwicklung zu jedem Höhepunkt geordneter Macht. Sie sind alle schwärzlich gefärbt, mit Ausnahme des Seils, das aus dem Wolfsrachen kommt; dieses scheint teils schwarz, teils weiß zu sein. Denn diese lang andauernde Entwicklung in der vielfältigen widerspenstigen Leidenschaft der Menschen, die in gefräßiger Raublust gipfelt (positum est), breitet — im schwarzen Teil — viele Bosheiten aus; doch gehen dennoch aus ihm jene im hellen Glanz der Gerechtigkeit hervor, die sich dem Sohn des Verderbens unter unvorhergesehenen Wundern zum Widerstand stellen, wie auch mein Knecht Job an dem rechtschaffenen Mann, der Gerechtigkeit übt, aufzeigt und spricht.

 

8. Worte Jobs zum selben Thema

„Der Unschuldige empört sich über den Heuchler. Und der Gerechte hält an seinem Weg fest und reine Hände gewinnen Kraft" (Job 17,8 —9). Das ist so: Wer unschuldig ist an einer Bluttat, d. h. an Mord, Unzucht und ähnlichen schlechten Werken, wird wie ein glühender Funke gegen jenen entfacht, der immer mit seinen Taten lügt. Wieso? Weil dieser Gift verschlingt und es Honig nennt, und als Freund bezeichnet, den er wie einen Feind erwürgt, indem er nämlich süße Worte ertönen läßt, doch Bosheit in sich trägt, schmeichlerisch mit seinem Freund spricht, doch ihn hinterhältig umbringt. Wer aber eine Rute hat, vertreibt die niederträchtigen Tiere von sich und hat auf dem rechten Weg seines Herzens auch angesichts der strahlenden Sonne helle Pfade; er wird nämlich als heller Funke und klares Licht in Gott wie eine strahlende Fackel entfacht. Und so verbreitet er um sich kraftvolle und ganz reine Werke, gibt ihnen einen starken Schild und ein schneidendes Schwert dazu und vertreibt auch die Laster von sich und erwirbt sich Tugenden.

 

9. Die Kirche erstrahlt im Schmuck der Gerechtigkeit von ihrer Vollendung an bis zur Zeit des Antichrist

Deswegen siehst du auch im Osten wiederum jenen jungen Mann, den du früher über der Verbindungsecke zwischen der erwähnten Licht- und Steinmauer des besagten Gebäudes, mit einer purpurroten Tunika bekleidet gesehen hast, über diesem Winkel. Denn der Aufgang der Gerechtigkeit, der Menschensohn, verfügt über die Kraft der Vereinigung von spekulativer Erkenntnis und menschlichem Werk. In der Güte des Vaters errichtet er einen Bau in der Höhe. Dort vergoß der Menschensohn nach dem Willen seines Vaters sein Blut für das Heil der Welt, wie dir schon vorher gezeigt wurde, und es wird dir erneut durch seine geheimnisvollen Wunder kundgetan, daß er jetzt noch dort in derselben Erhabenheit zur Bekräftigung der Wahrheit thront; aber so, daß er dir jetzt von seinem Nabel an abwärts erscheint. Denn du siehst von der Stärke seiner Glieder, d. h. seiner Auserwählten, durch die er als Bräutigam der Kirche Ansehen genießt (viget), bis zur Vollendung dieser Glieder viele erstaunliche und verborgene Zeichen; und zwar so, daß er vom Nabel bis zu der Stelle, an der man den Mann erkennt, wie das Morgenrot leuchtet. Denn von jener Vollendung, da seine gläubigen Glieder bereits zur vollen Stärke gelangt sind, bis zur Zeit des Sohnes des Verderbens, der vorgeben wird, ein tugendhafter Mann (vir virtutis) zu sein, wird er sich als Glanz der Gerechtigkeit derer, die ihn in Rechtschaffenheit treu ergeben verehren, dartun. Daher liegt dort eine Leier quer mit ihren Saiten. Das sind die Freudenlieder jener, die in dieser Verfolgung, in welcher der Sohn der Bosheit den Erwählten viele Qualen bereitet, nun wegen der harten Pein, die sie an ihrem Leib erdulden, von den Fesseln des Leibes befreit werden und zur Ruhe eingehen.

 


10. Dann ist der Glaube der Kirche gleichsam verunsichert, abgesehen vom Zeugnis des Henoch und Elias

Doch von dieser Stelle an abwärts ist er, bis zu zwei Fingerbreit über seinem Knöchel umschattet. Denn von dieser Verfolgung an, welche die Gläubigen durch den Sohn des Teufels erleiden werden, bis zur Belehrung der beiden Zeugen, nämlich Henoch und Elias, welche das Irdische verachteten und ihre Anstrengungen auf das himmlische Verlangen stützten (ponentes), ist der Glaube der Kirche (ecclesiasticae institutionis) gleichsam verunsichert. Die Menschen sagen sehr traurig: ,Was sagt man da von Jesus? Ist es wahr oder nicht?'

 

11. Vor dem Ende der Welt wird durch ihr Zeugnis der Bräutigam der Kirche in hellem Glanz aufstrahlen, wenn der Sohn des Verderbens besiegt und der Glaube an die Wahrheit in Erscheinung getreten ist

Doch von diesem Streifen an, der von oben bis an den Knöchel reicht, erscheinen seine ganzen Füße weißer als Milch. Das bedeutet: Vom Zeugnis dieser Zeugen an, die ewige Belohnung erwarten, wird nach der Verwerfung des Sohnes des Verderbens der Menschensohn vor dem Ende der Welt im katholischen Glauben schneeweiß und wunderbar (pulcherrimus) aufstrahlen. So wird man durch ihn jetzt klar die Wahrheit erkennen und der Irrtum wird im Sohn der Bosheit gänzlich verworfen werden, wie auch mein Diener David bezeugt, wenn er spricht.

 

12. Worte Davids zum selben Thema

„Der König aber freut sich in Gott; alle, die auf ihn schwören, werden gerühmt, denn denen, die Böses reden, ist der Mund gestopft" (Ps. 62,12). Das ist so: Die tiefe Erkenntnis, welche im Menschen einen hohen Rang einnimmt — sie beeinflußt nämlich nach dem Willen und der Anordnung Gottes die Schönheit des Ausdrucks der menschlichen Sprache — ertönt harmonisch (symphonizat) auf dem Altar Gottes, weil sie Gott kennt. Und die Seligen eilen mit loberfülltem Herzen herbei und bahnen dem Redestrom einen Weg in der ganz reinen Quelle des allmächtigen Herrschers, wenn zur Zeit des Verderbens die zischenden Rachen der teuflischen Listen, welche die Menschenherzen schmählich verpesten, vernichtet werden.

 

13. Die Kirche wird beklagenswerterweise viele verschiedene Leiden und Verfolgungen erdulden, da man von der Gerechtigkeit abkommt

Doch auch die Frauengestalt, welche du früher an dem Altar vor den Augen Gottes erblickt hast, wird dir jetzt wiederum dort gezeigt. Denn die Braut des Gottessohnes nimmt sich der ganz reinen Gebete der Heiligen an und bietet sie hingegeben — wie es dir schon vorher gezeigt wurde — dem prüfendem Auge droben (supernae inquisitionis) dar; nur wird es dir auch in diesen Geheimnissen zur Bekräftigung der Gerechtigkeit dargetan, und zwar so, daß du auch sie nur von der Mitte ihres Leibes abwärts siehst. Sie wird dir nämlich von jenem schöpferischen Akt (procreatio) an, aus dem sie jetzt zur Würde der Kirche erhoben wird, bis zur Vollzahl ihrer Kinder durch viele geheimnisvolle Wunder zum Heil (ad tuitionem) vieler offenbart. Sie hat nämlich von ihrem Nabel bis zu der Stelle, an der man die Frau erkennt, verfärbte und schuppige Flecken. Das bedeutet: Von jener Kraft her, in der sie in ihren Kindern würdig und lobenswert lebt, bis zu der Zeit, wenn der Sohn des Verderbens versuchen wird, die Ränke, welche der Teufel der ersten Frau einflößte, zu vollenden, wird sie beklagenswerterweise und erbarmungswürdig Unbeständigkeit und Gefühllosigkeit in der Preisgabe an viele Laster durch die Sünde der Unzucht, des Mordens und Raubens erdulden. Wieso? Weil die, welche sie lieben sollten, sie grausam verfolgen.

 

14. Der Antichrist zerreißt die Gläubigen unter furchtbarem Terror und flößt den Menschen den üblen Geruch seiner Grausamkeit und den Wahnsinn seiner Bissigkeit ein

Deshalb erscheint auch an derselben Stelle des weiblichen Erkennungsmerkmals ein unförmiges pechschwarzes Haupt. Denn der wahnsinnige Sohn des Verderbens wird mit den Künsten der ersten Verführung in riesigen Schlechtigkeiten und pechschwarzen Bosheiten auftreten, mit feurigen Augen, eselsgleichen Ohren und mit Nase und Rachen wie ein Löwe sie hat, wenn er den Menschen die unsinnigen Taten der bösen Leidenschaft (nequissimi ignis) und schändliche Äußerungen des Widerspruchs, der Gottesleugnung verursacht, einflößt. So gießt er ihren Sinnen den übelsten Geruch ein und zerfleischt in grausamster Raubgier die Institutionen der Kirche, indem er nämlich mit weit aufgerissenem Maul knirscht und schreckenerregend die furchtbaren eisenartigen Zähne wetzt. Er flößt nämlich auf schlimmste Weise seinen Gesinnungsgenossen mit gefräßigem Schlund seine starken Laster und seine wahnsinnige Bissigkeit ein.

 

15. Der Sohn des Verderbens wird versuchen, diejenigen mit grausamsten Verfolgungen niederzubeugen, welche er mit Schmeichelei nicht kann

Und von diesem Haupt bis zu ihren Knien ist diese Gestalt weiß und rot und wie von vielen Schlägen hart mitgenommen. Denn von der so schlimmen Täuschung, mit der dieser Sohn des Verderbens die Menschen zuerst schmeichlerisch und sanft zu verführen sucht, bis zu der Zeit, da er versuchen wird, sie jetzt grausamer zu verdemütigen und zu erniedrigen (inflectere et incurvare), wird die Kirche in ihren Kindern das Weiß des wahren Glaubens (bewahren), doch in ihm die Bedrängnis gefühllosen Blutvergießens und größte Drangsale in mannigfachen Leiden erdulden.

 

16. Die Kirche wird am Weltende mit dem edelsten Blut getränkt werden, bis zu den beiden Zeugen der Wahrheit

Von den Knien jedoch bis zu den beiden Querstreifen, die oben an den Knöchel rühren und weiß erscheinen, sieht sie blutig aus. Denn während sie schon bis zu den beiden Zeugen der Wahrheit, welche die Kirche kraftvoll bewahren werden, indem sie gegen Ende der Welt das Weiß der Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit zeigen, gleichsam die Erschütterung ihrer Vergewaltigung erduldete, wird sie ruchlose Verfolgungen und grausamstes Blutvergießen unter denen, die jenen Verderber verachten, erleiden. Was besagt das? Wenn der Sohn des Verderbens, in seiner widersprüchlichen Lehre trügerisch bestärkt, Selbstvertrauen und Kraft gewonnen hat, dann wird auch die Kirche auf ihrem schnellen Lauf mit dem edelsten Blut getränkt. Dann wird sie dadurch nun auch selbst vollständig zu einer himmlischen Wohnstatt auferbaut. Ihr nämlich, o Straßen Jerusalems, werdet dann durch das Blut der Heiligen im edelsten Gold aufleuchten; denn der Teufel wird zugrundegehen (exstinguetur), weil er die Glieder des himmlischen Königs verfolgt hat. So wird er selbst von seinem großen Terror zunichte gemacht.

 

17. Nachdem sechs Zeitalter vergangen sind, befinden wir uns im siebten

Doch ihr, o Menschen, die ihr in ihnen (den Straßen) wohnen möchtet, flieht ihn (den Teufel) und betet Gott an, der euch geschaffen hat. In sechs Tagen hat Gott nämlich seine Werke vollendet und am siebten ruhte er von seinem Werk. Was besagt das?

Die sechs Tage sind die Zeitalter, sechs an der Zahl. Im sechsten jedoch sind neue Wundertaten für die Welt zutagegetreten, wie auch Gott am sechsten Tag seine Werke vollendet hat. Jetzt aber steht die Welt im siebten Zeitalter vor dem Jüngsten Tag, gleichsam am siebten Tag. Wieso? Die Propheten haben ihre Worte erfüllt und auch mein Sohn hat meinen Willen in der Welt vollbracht. Das Evangelium ist auf der ganzen Welt offen verkündet worden; es hatte aber auch bis zur Fülle der Zeiten und über die Jahre der Zeitenfülle hinaus (per tempus temporum pleni numeri et plus temporum annorum eiusdem pleni numeri) Bestand, wenngleich unter verschiedenartigen menschlichen Verhältnissen (morum), doch von mir festbegründet.

 

18. Warum Gott neue Geheimnisse und viel Mystisches, das bisher verborgen war, nur durch einen Unberedten und Ungelehrten verkündet

Doch jetzt wankt der katholische Glaube unter den Völkern und das Evangelium steht bei diesen Menschen auf schwachem Fuß (Claudicat). Auch die dicken Bände, welche die erfahrenen Lehrer mit großem Eifer herausgegeben hatten (enucleaverant), lösen sich in schmählichen Überdruß auf und die Lebensspeise der göttlichen Schriften ist schon lau geworden. Deshalb spreche ich jetzt durch einen unberedten Menschen über die Heilige Schrift; er ist nicht von einem irdischen Lehrer belehrt, sondern ich, der ich bin, verkünde durch ihn neue Geheimnisse und viel Mystisches, das bisher in den Büchern verborgen war. So verfährt ein Mensch, der sich zuerst Lehm sammelt und dann daraus irgendwelche Formen nach seinem Wunsch heraushebt.

 

19. Eine Ermahnung Gottes an die Lehrer, diese Rede nicht zu verachten, sondern sie wie ein siegreiches Banner gegen den Sohn der Bosheit zu erheben

O ihr erfolgreichen und gewinnenden Lehrer (fructuosi doctores boni lucri), kauft eure Seelen zurück und ruft diese Worte laut aus und mißtraut ihnen nicht! Denn wenn ihr sie verschmäht, verachtet ihr nicht sie, sondern mich, der ich wahrhaftig bin. Ihr sollt nämlich mein Volk unter meinem Gesetz erziehen und bis zur vorherbestimmten Zeit seiner Heilung für es Sorge tragen, wenn alle Sorge und Mühsal (omnis cura omnium laborum) vergeht. Von dieser Zeit an habt ihr jedoch festgelegte, vorherbestimmte Zeitabschnitte, die auf jene Zeit hinauslaufen, in welcher der Sohn des Verderbens auftreten wird. Gewinnt also Kraft und seid stark, meine Auserwählten, und hütet euch sehr, in die Schlinge des Todes zu fallen. Erhebt vielmehr das Banner dieser Worte und schart euch gegen den Sohn der Bosheit zusammen. Folgt nämlich inmitten des Irrtums jener Wege, die dem Sohn des Verderbens, welchen ihr den Antichrist nennt, voranlaufen und folgen, der Spur dessen, der euch den Weg der Wahrheit lehrte, als er im Fleisch auf Erden in großer Demut und nicht mit Stolz erschien. Hört also und vesteht!

 

20. Worte des Geistes an die Kirche der Endzeit

Der Geist spricht nämlich zur Kirche über die Zeit des letzten Irrtums. Denn der Tod rennt gegen die Kirche zu derselben Stunde an, da am Ende der Zeiten der verfluchte Lästerer (maledictus maledictionis) kommt; er ist der Fluch der Flüche, wie mein Sohn im Evangelium über die Stadt des schlimmsten Irrtums bezeugt und spricht.

 

21. Das Evangelium darüber

„Und du Kapharnaum, wirst du dich etwa bis in den Himmel erheben? Bis zur Unterwelt wirst du hinabfahren" (Mt. 11,23). Das ist so: O du Höhle der Bosheit, du bist eine verborgene Grube (fossa absconsionis) und hast Flügel heuchlerischer Verstellung (simulationis hypocritarum); wie könntest du auf der Höhe der Mauer stehen, da dein Auge auf die Schlechtigkeiten der Laster blickt, die das brennende Licht im Kot verstecken und sagen: ,Wer gleicht dem heuchlerischen Mörder', den die Törichten Herrscher nennen? Wirst du etwa den Himmel mit Wundern und Zeichen (in miracu-lis signorum) erringen, wenn du deinen Finger in die Unterwelt tauchst? Wieso? Deine Werke erreichen den Grund der Hölle; dort wirst du, von ihrer Gefräßigkeit verschlungen, liegen, so daß auch diese Unterwelt jenen Gestank ausspeit, in dem die Welt die Bitterkeit des Todes am Verderber der Verworfenen (in perditore perditionum) sehen wird.

 

22. Nach der Erschütterung des Erdkreises werden die vier Elemente gereinigt und die Zahl der Kinder der Kirche voll gemacht, damit es dem Haupt nicht an Gliedern fehle

Doch ein Haupt darf nicht ohne Leib und die übrigen Glieder sein. Das Haupt der Kirche ist der Sohn Gottes, der Leib und die übrigen Glieder, welche dazu gehören (sequuntur), ist die Kirche mit ihren Kindern. Die Kirche ist aber in ihren Gliedern und ihren Kindern noch nicht vollendet, sondern am Jüngsten Tag, wenn die Zahl der Erwählten voll gemacht wird, ist dann auch die Kirche vollständig. Am Jüngsten Tag jedoch kommt es dann auch zur Erschütterung des Erdkreises, wenn ich, Gott, die vier Elemente reinige, mit dem, was am menschlichen Fleisch sterblich ist. Dann wird auch am Ende der Welt die Freude der Kirche an der Nachkommenschaft vollkommen sein.

 

23. Der Weltlauf ist jetzt beim siebten Abschnitt und nach der Drangsal werden die versiegelten Geheimnisse der Bücher offen und gelassen, wie in diesem Buch, ausgesprochen; und es gibt keine weitere Zählung mehr. Das Übrige darf der Mensch nicht wissen

Wie nämlich schon gesagt wurde, vollendete Gott in sechs Tagen seine Werke. Die fünf Tage sind die fünf Zeitabschnitte. Im sechsten wurden auf Erden neue Wundertaten offenkundig, wie auch am sechsten Tag der erste Mensch gebildet wurde. Doch jetzt ist der sechste Abschnitt beendet; mit dem siebten Abschnitt ist nun der Weltenlauf gleichsam am siebten Tag angelangt. Denn die Mühe, welche sich früher die unerschrockenen (fortissimi) Lehrer um die unerschöpflichen, unzugänglichen und versiegelten (Geheimnisse) der heiligen Schriften machten, ist nun offenkundig und soll jetzt öffentlich in gelassener Rede — wie die Worte dieses Buches — gleichsam am siebten Tag der Ruhe zutage treten. Sechs Tage sind nämlich zum Wirken da, der siebte gehört der Ruhe. Ein anderes Zeitmaß gibt es nicht. Was darüber hinausgeht, o Mensch darf man nicht wissen, sondern es ist im Geheimnis des Vaters beschlossen. Ihr aber, o Menschen, habt von dieser Zeit diesen Abschnitt für euern Lauf (zur Verfügung), bevor jener Menschenmörder kommt, der den katholischen Glauben zu vernichten begehrt. Über die folgenden Geschehnisse ist euch nicht gestattet, Zeit oder Augenblick zu wissen, wie ihr auch nicht wissen könnt, was nach den sieben Tagen der Woche geschieht (sit); der Vater allein vielmehr weiß es, der es auch in seiner Macht festgesetzt hat. Über die Tage der Woche oder über die Zeitabschnitte der Welt, darfst du, o Mensch, nichts weiter wissen.

 

24. Warum Gott wollte, daß sein Sohn am Ende der Zeiten Mensch werde

Doch nach den fünf Zeitaltern verkündete ich der Welt himmlische Wundertaten, wie auch in fünf Tagen die andere Kreatur vor dem Menschen geschaffen worden war, welche dem Menschen Untertan ist. So hatte es auch eine große Zahl Heiden und Juden gegeben und verschieden Spaltungen durch mannigfache Übel waren sowohl unter dem heidnischen, als auch dem jüdischen Volk aufgekommen (efferbuerant). Das Gesetz und die Prophetie hatten sich schon abgemüht und alle Völker waren sowohl im Guten als auch im Bösen erprobt worden, bevor mein Eingeborener aus der Jungfrau Fleisch annehmen sollte. Denn ich wollte ihn nicht senden, bevor all dies vorangegangen war, damit alle Gerechtigkeit an ihm erprobt werde und alle Ungerechtigkeit an ihm Ärgernis nehme.

Wäre mein Sohn aber früher gekommen, wäre das gleichsam unklug geschehen, wie auch jener Mensch unverständig handelt, der seine Früchte einsammeln will, bevor sie reif sind. Oder wenn seine Fleischwerdung bis zum Ende der Welt selbst aufgeschoben worden wäre, würde er unvermutet kommen, wie ein Vogelfänger, der die Vögel listig fängt, da sie nicht wissen, wie sie ins Netz geraten sind. Doch mein Sohn kommt zu jener Zeit, da sich der Tag nach der neunten Stunde gleichsam dem Abend zuneigt, nämlich wenn die größte Kraft des Tages geschwunden ist und es kalt zu werden beginnt. So war auch mein Sohn nach fünf Zeitaltern in der Welt gegenwärtig, als die Welt schon zum Untergang eilte. Was folgt daraus? Er kam und erschloß das Innerste (medullam) des Gesetzes, als er das Wasser des Gesetzes in den Wein des Evangeliums verwandelte und auch starke Ströme der Tugendkräfte entstehen ließ. Er vollbrachte das durch ein so zeitgerechtes Kommen, daß die Tugenden der Kirche (ecclesia-sticae), welche der Heilige Geist entflammte, durch feste Wurzeln in den Menschen erstarkten und die Jungfräulichkeit, welche er in seiner Person brachte, überall die schönsten Blumen aufkeimen lassen konnte.

 

25. Vom Antichrist und seiner Mutter

Doch der wahnsinnige Mörder, nämlich der Sohn des Verderbens, wird in kürzester Zeit kommen, wie der Tag schon scheidet, wenn die Sonne am Abend untergeht, d. h. wenn die letzte Zeit schon schwindet (cadit) und die Welt ihren Lauf aufgibt. O meine Getreuen, hört dieses Zeugnis und versteht es ergeben als Warnung (ad cautelam vestram), damit euch nicht der ohne euer Wissen plötzlich über euch kommende Schrecken dieses Verderbers ins Unglück des Unglaubens und der Verwerfung stürze. Bewaffnet euch daher und bereitet euch, auf diese Weise gewarnt, mit zuverlässigen Verschanzungen für den so heftigen Kampf. Wenn nämlich diese Zeit gekommen ist, da jener schlimme Betrüger schrecklich in Erscheinung treten soll, ist die Mutter, welche diesen Verführer in die Welt setzen soll (eiciet), von ihrer Kindheit an und im Mädchenalter durch teuflische Künste voller Laster in einer abgelegenen Wüste unter ganz gottlosen Menschen erzogen worden. Ihre Eltern wissen nichts von ihrem dortigen Aufenthalt und die, mit denen sie zusammenlebt, kennen sie nicht; denn der Teufel überredet sie, dorthin zu gehen und bereitet sie dort durch Täuschung nach seinem Wunsch vor, als ob er ein heiliger Engel wäre. Und sie trennt sich deshalb von den Menschen, um sich umso leichter verbergen zu können. Daher vereinigt sie sich auch mit einigen, wenn auch wenigen Männern heimlich in der schlimmsten Preisgabe der Unzucht und entehrt sich mit ihnen in so großem Eifer für die Unsittlichkeit, wie der heilige Engel sie die Leidenschaft ihre Schlechtigkeit vollbringen läßt. Und so empfängt sie in der brennendsten Glut ihrer Unzucht den Sohn des Verderbens und weiß nicht, von welchem Samen dieser Männer sie ihn empfangen hat.

Doch Luzifer, nämlich die alte Schlange, von dieser Schändlichkeit entzückt, weht nach meinem gerechten Urteil dieses Gerinnsel mit seinen Ränken an und besitzt es mit allen seinen Kräften gänzlich im Schoß seiner Mutter. So geht dieser Verderber aus dem Leib seiner Mutter voll teuflischen Geistes hervor. Dann meidet sie die gewohnte Unzucht und sagt dem törichten und unwissenden Volk offen, daß sie keinen Mann habe und den Vater ihres, Kindes nicht kenne. Die Unzucht, die sie beging, nennt sie heilig und daher hält sie das Volk für heilig und nennt sie so. So wird der Sohn des Verderbens bis zum kräftigeren Alter erzogen und entzieht sich immer dem ihm bekannten Volk.

 

26. Von der Mutter in den magischen Künsten unterwiesen, führt er mit Gottes Zulassung seinen Willen an den verschiedenen Geschöpfen aus

Seine Mutter aber zeigt ihn mittlerweile mittels einiger magischer Künste sowohl dem Volk, das Gott verehrt, als dem, das ihn nicht ehrt. So bewirkt sie, daß er von ihnen gesehen und geliebt wird. Wenn er zum Vollalter gelangt ist, wird er öffentlich eine verderbliche (contrariam) Lehre vertreten (docebit) und so mir und meinen Erwählten entgegentreten; er wird so große Kraft gewinnen, daß er versucht, sich in seiner gewaltigen Macht über die Wolken zu erheben. Denn ich erlaube ihm nach meinem gerechten Urteil, seinen Willen an verschiedenen Geschöpfen auszuführen. Denn wie der Teufel am Anfang sprach: ,Ich werde dem Höchsten gleich sein' und fiel, so lasse ich auch zu, daß dieser Teufel in der Endzeit stürzt, wenn er in diesem seinem Sohn sagt: ,Ich bin der Erlöser der Welt.' Und damit die Gläubigen in der ganzen Welt erkennen, daß Luzifer ein Lügner war, als er am Anfang der Tage Gott gleichen wollte, so soll auch jeder Gläubige sehen, daß dieser Sohn der Bosheit ein Lügner ist, wenn er sich vor dem Jüngsten Tag dem Sohn Gottes ebenbürtig macht.

 

27. Von seiner Macht und den verschiedenen Wundern, die er zu vollbringen scheint

Er ist nämlich ein ganz schlimmes wildes Tier und tötet die Menschen, die ihn ablehnen. Er gesellt sich Königen, Führern, Fürsten und Reichen zu, unterdrückt die Demut und richtet den Stolz auf. Den Erdkreis unterwirft er sich mit teuflischer List. Denn seine Macht dringt bis zur Behausung (labrum) des W7indes vor, so daß er die Luft in Bewegung zu setzen, Feuer aus dem Himmel zu bringen und Blitz, Donner und Hagel zu verursachen scheint. Er scheint auch die Berge umzustürzen, die Wasser auszutrocknen, den Wäldern ihr Grün zu nehmen und ihnen ihren Saft wieder zurückzugeben. Solche Täuschungen zeigt er an verschiedenen Geschöpfen, d. h. bezüglich ihrer Feuchtigkeit, Grünkraft und Dürre. Er läßt aber auch nicht davon ab, an Menschen seine Betrügerei zu wirken. Auf welche Weise? Offenbar verursacht er bei den Gesunden Krankheit und bei den Kranken Gesundheit, scheint Dämonen auszutreiben und zuweilen Tote zu erwecken. Wie? Wenn nämlich manchmal jemand verschieden ist (vita evanuerit), dessen Seele in der Gewalt des Teufels ist, übt er zuweilen — mit meiner Zulassung — an dem Leichnam seinen Mutwillen (illusiones) aus und bringt seine Leiche in Bewegung, als ob sie lebe; allerdings wird ihm das nur ganz kurze Zeit und nicht über eine längere Zeitspanne zu tun gestattet, damit nicht durch diese Anmaßung die Ehre Gottes ins Lächerliche gezogen werde. Einige, die das sehen, vertrauen ihm. Manche aber möchten bei ihrem früheren Glauben bleiben und ihn dennoch gnädig stimmen. Da er sie wenigstens doch nicht grausamer verletzten will, schickt er ihnen irgendwelche Krankheiten. Suchen sie jedoch ein Heilmittel bei den Ärzten und können nicht geheilt werden, laufen sie zu ihm zurück und versuchen, ob er sie zu kurieren vermag. Wenn er sie aber dann aufsucht, nimmt er ihnen die Krankheit weg, die er ihnen auferlegt hat; daher lieben sie ihn sehr und glauben an ihn. Und so werden viele getäuscht, wenn diese die Augen des inneren Menschen umnebeln, mit denen sie auf mich schauen sollten. In dieser Erprobung ihres Geistes wollen sie in einer gewissen Neugier wissen, was sie mit den äußeren Augen sehen und mit Händen greifen; das Unsichtbare, welches in mir vorhanden und im wahren Glauben zu ergreifen ist, verachten sie. Denn sterbliche Augen können mich nicht erblicken, sondern ich zeige meine Wunder im Schattenbild, wem ich will. Mich selbst aber wird keiner schauen, solange er im sterblichen Leib lebt, nur im Schatten meiner Geheimnisse, wie ich zu meinem Diener Moses sagte und geschrieben steht.

 

28. Worte des Moses über die Schau Gottes

„Kein Mensch wird mich sehen und kann am Leben bleiben" (Ex. 33,20). Das ist so: Wer sterblich ist, wird den irdischen Blick seiner Vergänglichkeit nicht auf die Herrlichkeit meiner Gottheit richten, um das sterbliche Leben in unvergänglicher Asche besitzen zu können, während er sich im Wandel der vergänglichen Zeit befindet, d. h. ein Leben verläßt und zu einem andern übergeht. Denn alles Lebendige ist durch mich dauerhaft, weil ich lebe; und in mir gibt es keine Veränderung. Wie nämlich eine Mücke nicht am Leben bleiben kann, wenn sie sich in eine Feuerflamme stürzt, so könnte auch kein sterblicher Mensch bestehen, wenn er das Aufleuchten meiner Gottheit sähe. Ich aber zeige mich den sterblichen Menschen, solange sie von der Last ihrer Sterblichkeit beschwert sind, so in einem Schattenbild, wie ein Maler den Menschen das Unsichtbare durch seine gemalten Bilder verdeutlicht. Doch wenn du, o Mensch, mich liebst, umarme ich dich und erwärme dich mit der Glut des Heiligen Geistes. Wenn du mich nämlich in deiner guten Absicht anblickst und mich durch deinen Glauben erkennst, dann bin ich mit dir. Doch die mich verachten, wenden sich zum Teufel hin, weil sie mich nicht kennen wollen. Daher verwerfe auch ich sie.

 

29. Einige vom Teufel Betrogene lassen täuschenderweise Wunderzeichen an Geschöpfen sehen, aber sie können sie nicht in eine andere Art verwandeln

Diese aber verspottet und täuscht der Teufel, wie immer es ihm beliebt, so daß sie für wahr halten, was er ihnen zeigt. Und diese List seiner Täuschung flößt der Teufel jenen ein, die auf ihn vertrauen, so daß auch sie die Menschen in dieser Kunst täuschenderweise Wunderzeichen an Geschöpfen nach ihrem Wunsch sehen lassen. Aber dennoch können weder die Elemente noch die anderen von Gott geschaffenen Kreaturen in eine andere Art verwandelt werden; sie täuschen nur durch ihre Betrügereien denen, welche an sie glauben, unheimliche nebelhafte Erscheinungen an ihnen vor. Denn auch Adam verlor, als er nach mehr verlangte als er haben sollte, die Paradiesesherrlichkeit. So verlieren auch diese Auge und Ohr des inneren Menschen, weil sie Gott verlassen und den Teufel verehren.

 

30. Auf wie verschiedene Art der Antichrist die Seinen täuscht und warum ihm das gestattet wird

Auf diese Weise bewerkstelligt der Sohn des Verderbens seine täuschenden Künste an den Elementen und läßt an ihnen — je nach dem Wunsch der Menschen, die er täuscht — Schönheit, Anmut und Reiz sehen. Diese Gewalt ist ihm aber deshalb zugestanden, damit die Gläubigen im rechten Glauben erkennen, daß der Teufel keine Macht über das Gute hat, sondern nur über die Übel des ewigen Todes. Denn was immer dieser Sohn der Bosheit tut, wirkt er mit Gewalt, Stolz und Grausamkeit; er besitzt keine Barmherzigkeit, Demut und Unterscheidung, sondern drängt die Menschen" mit einem Befehl und großer Verblüffung dazu, ihm zu folgen. Er gewinnt eine große Schar (plurimos populos) für sich, indem er ihnen sagt, sie dürften frei ihren Willen erfüllen und brauchten sich nicht zu vielem Wachen und Fasten verpflichten. Er verheißt ihnen, daß sie nur ihren Gott, der er zu sein vorgibt, zu lieben brauchten, um, von der Hölle befreit, zum Leben zu gelangen. Daher sagen die derart Getäuschten: ,O weh, diese Unglücklichen, welche vor diesen Zeiten lebten, ihr Leben mit grausamen Quälereien erschwerten und ach, die Güte unseres Gottes nicht kannten.' Jener zeigt ihnen nämlich Schätze und Reichtum und erlaubt ihnen, nach ihren Wünschen zu schwelgen. Mit trügerischen Zeichen bekräftigt er seine Lehre, so daß sie glauben, es nicht nötig zu haben, ihren Leib irgendwie in Zucht zu nehmen und zu bändigen. Er befiehlt ihnen jedoch, die Beschneidung und das Judentum nach den Gebräuchen der Juden zu "beobachten und erleichtert ihnen die schwereren Gesetzesvorschriften, welche das Evangelium — mit würdiger Buße verbunden — in Gnade wandelt, nach ihrem Willen. Und er spricht: ,Wer sich zu mir bekehrt, dessen Sünden werden getilgt und er wird mit mir in Ewigkeit leben.' Er verwirft auch die Taufe und das Evangelium meines Sohnes und spottet über alle Gebote, die der Kirche übergeben sind. Und wiederum sagt der Teufel spöttisch zu denen, die ihm dienen: ,Seht nur, wer und wie verrückt der gewesen ist, welcher dem einfachen Volk mit seiner Betrügerei das zur Beobachtung aufgestellt hat!'

 

31. Vom Scheintod des Antichrist und dem Buch der Verwünschung; wer ihm widerspricht, wird getötet

,Ich aber will für euch und zu euerm Ruhm sterben und vom Tod auferstehen und so werde ich mein Volk von der Hölle befreien, so daß ihr von nun an glorreich in meinem Reich lebt; dieser Betrüger gab vor, das schon früher getan zu haben.' Und darauf befiehlt er seinen Anhängern (dilectis), ihn mit einem Schwert zu erschlagen und ihn bis zum Tag seiner Auferstehung in reines Leinen zu hüllen. Und sie werden so getäuscht, daß sie glauben, ihn zu töten und auf diese Weise seine Befehle auszuführen; später ersteht er scheinbar und führt eine Schrift vor, die gleichsam zum Heil der Seelen eine schreckliche Verwünschung enthält. Er übergibt sie den Menschen als Zeichen und läßt sich von ihnen anbeten. Wenn das aber ein Gläubiger aus Liebe zu meinem Namen verweigert, wird er von ihm durch grausame Pein und Foltern vernichtet. Daher sind alle, die das sahen oder hörten, von Staunen und Zweifel betroffen, wie auch mein geliebter Johannes zeigt und spricht.

 

32. Worte des Johannes

„Und ich sah eins von seinen Häuptern tödlich getroffen und seine Todeswunde wurde geheilt. Und voll Bewunderung folgte die ganze Welt dem Tier" (Apc. 13,3). Das ist so: Ich, der Liebhaber der Geheimnisse Gottes, sah, wie der Betrüger und Verfluchte mit ganz großen und unzähligen Bosheiten die Unschuld (sanctimoniam) der Heiligen umzingelt und sie mit vielfachen Lasten heimsucht. Er wird durch die Listen seiner Betrügereien vortäuschen, sein Blut bei seiner Hinmordung zu vergießen und so zu sterben. Nicht körperlich findet er den Tod, sondern er wird gleichsam als täuschendes Schattenbild erschlagen und für sterbend erachet. Daher gibt er auch — als sei er mit seinen täuschenden Wunden tot — vor, wie aus einem Todesschlaf zum Leben erwacht zu sein. Und so werden alle Menschen auf der ganzen Erde, starr vor Staunen und Schrecken über ihn, in Furcht vor diesem Verfluchten geraten, wie auch das Volk über die Größe und Stärke Goliaths entsetzt war, als es ihn bewaffnet zum Kampf sich gegenüberstehen sah. Wie du siehst, scheinen auch so die Säulen meiner Auserwählten, sowohl vor diesen Foltern als auch vor den widersprüchlichen, auffallenden und schrecklichen Zeichen, welcher dieser Sohn des Verderbens von sich gibt, von großem Staunen und Zittern erfaßt zu sein und stöhnen vor Jammer und Not auf.

 

33. Warum Henoch und Elias bis zu dieser Zeit zurückbehalten werden

Doch meine beiden Zeugen, die ich im Geheimnis meines Willens bis zu dieser Zeit aufbewahrt habe, nämlich Henoch und Elias, werde ich aussenden, damit sie ihn bekämpfen und die Irrenden zum Weg der Wahrheit zurückführen. Sie werden meinen Gläubigen die stärksten und kräftigsten Tugenden vor Augen führen. Denn weil die Worte ihres Zeugnisses in beider Mund ganz übereinstimmen, werden sie den Hörern den Glauben bringen. Deswegen sind diese beiden Zeugen der Wahrheit nämlich solange bei mir zurückbehalten worden, damit sogleich bei ihrem Auftreten ihr Wort in den Herzen meiner Erwählten verstanden und bekräftigt werde und der Sproß meiner Kirche von da an in großer Demut Bestand habe. Und sie werden zu den Kindern Gottes, deren Namen im Buch des Lebens stehen, sprechen.

 

34. Ihre Worte an die Kinder Gottes

,O ihr Redlichen, zum herrlichen Lob der beglückenden Gnaden des (ewigen) Lebens erwählt, hört und versteht, was wir euch zuverlässig berichten: Dieser Verfluchte ist vom Teufel entsandt, um die Seelen, welche sich seinen Vorschriften unterwerfen, in Irrtum zu führen. Wir lebten nämlich von dieser Welt zurückgezogen, in den Geheimnissen Gottes zurückbehalten, die den Menschen verborgen sind. Der Sorge und Angst der Menschen waren wir entzogen. Dazu aber sind wir aufbewahrt und zu euch gesandt worden, um den Irrtümern dieses Verderbers zu widersprechen. Seht also, ob wir euch nicht an Wuchs und Alter ähneln.'

 

35. Von ihren wahrhaftigen Zeichen, durch die der Betrug des Antichrist verworfen wird

Und alle, die den wahren Gott erkennen und bekennen wollen, folgen diesen beiden Greisen und wahren Zeugen, die das Banner der göttlichen Gerechtigkeit tragen, und geben den ungerechten Irrtum auf. Denn sie werden unter lautem Lobpreis vor Gott und den Menschen aufleuchten, Ortschaften, Straßen und Städte, sowie die anderen Orte, wo immer der Sohn des Verderbens seine verderbliche Lehre ausgestreut hat, durcheilen und dort viele Zeichen im heiligen Geist wirken. So wird das ganze Volk, welches sie sieht, zu größter Bewunderung geführt. Diese großen Wunderzeichen, die auf festem Felsen gründen, werden ihnen aber deswegen geschenkt werden, daß die verderblichen und falschen Zeichen herabgesetzt werden. Denn wie ein Blitz zündet und verbrennt, so handelt auch der Sohn des Verderbens. Mit seiner schlimmen Bosheit und Schlechtigkeit verbrennt er die Leute durch magische Künste wie ein feuriger Blitz. Doch Henoch und Elias werfen mit der rechten Lehre seine ganze Kohort gleichsam mit einem Donnerschlag eingeschüchtert zu Boden und festigen so die Gläubigen.

 

36. Nach dem von Gott zugelassenem Tod erhalten sie den Lohn ihrer Mühen

Sind sie jedoch mit der Zulassung meines Willens schließlich von ihm getötet worden, erhalten sie den Lohn für ihre Mühen im Himmel. Dann fallen zwar die Blüten ihrer Lehre ab, weil ihre Stimme in der Welt bereits verstummt ist, aber in den Erwählten tritt die gute Frucht zutage. Diese verachten die Phrasen (verba) und die Wut der teuflischen List und sind wohlgefestigt in der Hoffnung auf das himmlische Erbe, wie auch Salomon auf den guten und redlichen Menschen verweist und spricht: Das Haus des Gerechten ist am dauerhaftesten und im Gewinn des Gottlosen liegt Beunruhigung (Spr. 15,6). Das ist so: Das sichere Haus (acutum tabernaculum), in dem es keinen Schmerz (contritio) und kein Unglück gibt, ist der besondere Spiegel des göttlichen Auges im redlichen Menschen. In ihm sieht dieses Auge die Kraft seiner Wundertaten gleichsam im Herannahen eines tödlichen Schwertes.

Doch in den Taten, die wie wachsende Früchte aus einem hochmütigen Herzen hervorgehen, das in seinen Eigenwilligkeiten Ruinen errichtet, wird eine gewisse Traurigkeit stecken, weil dieses stolze Herz nicht auf die Hoffnung vertraut, welche in himmlischer Sättigung erblüht.

 

37. Alle Glieder der Kirche werden durch den anmaßenden Übermut des Antichrist in Schrecken versetzt, der glaubt, er könne das Innerste des Himmels durchdringen

Daß du aber siehst, wie sich dieses unförmige Haupt mit so großem Getöse von seiner Stelle löst, daß die ganze erwähnte Frauengestalt in allen ihren Gliedern davon erzittert, bedeutet: Wenn der Sohn des Verderbens, der das Haupt der Bosheit ist, sich in heftigem arrogantem Hochmut aus der ihm anhaftenden Bosheit wie aus einem kleinen Irrtum erhebt, reißt er einen größeren Wahn an sich; er möchte sich nämlich über alle erhöhen, d. h., wenn seine Täuschungen ans Ende gelangt sind, wird die ganze Kirche in all ihren größeren und kleineren Kindern in großen Schrecken versetzt und erwartet seine wahnsinnige Anmaßung. Und es befindet sich eine Unmenge Kot um das Haupt; es erhebt sich daraus wie über einen Berg und versucht zur Himmelshöhe aufzusteigen. Denn die so großen Listen der teuflischen Nachstellung, welche viel Unreinheit verursachen, stehen diesem Sohn der Bosheit bei, verleihen ihm die Flügel des Stolzes und erheben ihn zu solcher Anmaßung, daß er sogar glaubt, das Innerste des Himmels durchdringen zu können. Aufweiche Weise? Wenn er nämlich den Willen des Teufels vollkommen erfüllt hat, so daß er nach dem gerechten Urteil Gottes keine Erlaubnis mehr zu seiner so großen Macht an Bosheit und Grausamkeit erhält, sammelt er seine ganze Horde und sagt denen, die an ihn glauben, er wolle in den Himmel auffahren (ire). Doch wie der Teufel nicht wußte, daß der Gottessohn zur Erlösung der Seelen geboren werde, so ist auch diesem großen Übeltäter (pessimus) nicht bekannt, daß der kräftige Schlag der Hand Gottes über ihn kommt, wenn er sich in das todbringende Übel aller Übel einhüllt.

 

38. Die Macht Gottes vernichtet in sichtbarer Stärke gleichermaßen den Sohn des Verderbens wie den Teufel durch ewige Verdammnis

Und da ertönt plötzlich etwas wie ein Donnerschlag und trifft das Haupt mit solcher Wucht, daß es von diesem Berg herabstürzt und seinen Geist im Tod aushaucht. Denn die sich offenbarende Macht Gottes streckt den Sohn des Verderbens mit solcher Kraft seines Eifers nieder, daß er vom Hochmut, mit dem er sich gegen Gott erhoben hatte, durch den großen Fall seiner Anmaßung kopfüber herabstürzt und so im Tod ewiger Verdammnis seinen Lebensodem vollständig von sich gibt (evomit). Denn wie die Versuchungen meines Sohnes beendet wurden, als er bei der Versuchung dem Teufel befahl: ,Weiche Satan' und jener erschreckt floh, so werden auch diese Verfolgungen, die der Sohn der Bosheit über die Kirche bringt, in diesem meinem Eifer ihr Ende finden.

 

39. Höllischer Gestank und Dunst wird den Ort seiner Überheblichkeit erfüllen, damit die Getäuschten zurückweichen

Daher ergreift auch sogleich ein so übelriechender Dunst den ganzen Berg, und das Haupt wird darin von so großem Schmutz bedeckt, daß das dabeistehende Volk in größten Schrecken versetzt wird. Denn der so unreine und höllische Gestank wird den Ort seiner Überheblichkeit ganz erfüllen, an dem jener schlimme Verleumder einen solchen Schmutz ausspie (efferve-bat), daß man sich nach gerechtem Urteil Gottes von da an weder an seinen Beginn noch an sein Ende erinnern kann. Jene Scharen sehen nämlich seine Leiche stumm auf die Erde hingestreckt und von großer Fäulnis erfüllt; sie erkennen, daß sie getäuscht sind und der Dunst bleibt noch etwas länger um diesen Berg herum. Denn jener Gestank, der den teuflischen Hochmut umgibt (circumamplectens), erweist ihn als unrein, damit die von ihm verführten Menschen, welche den Gestank und jenen Schmutz wahrnehmen, ihren Irrtum meiden und zur Wahrheit zurückkehren. Denn als das anwesende Volk das sieht, wird es von großer Angst erfüllt; als sie das nämlich erblicken, überfällt sie größtes Entsetzen, so daß sie heulend und weinend in Klagen ausbrechen und bekennen, sie hätten sich schwer getäuscht.

 

40. Nach der Niederstreckung des Sohnes des Verderbens wird die Braut Christi vom Glanz wunderbarer Schönheit strahlen, während die Irrenden zum Weg der Wahrheit zurückkehren

Und plötzlich erscheinen die Füße der erwähnten weiblichen Gestalt glänzendweiß und leuchten heller auf als der Glanz der Sonne. Das heißt: Die Stärke des Fundaments und die Stütze der Braut meines Sohnes wird den großen Glanz des Glaubens zeigen und jene Schönheit, die alle Anmut irdischer Herrlichkeit übertrifft, aufweisen, wenn der Sohn des Verderbens — wie schon gesagt wurde — niedergestreckt ist und viele der Verirrten zur Wahrheit zurückkehren.


41. Der Tag des Gerichts kann niemand als Gott kennen

Doch nach dem Fall des Gottlosen soll der sterbliche Mensch nicht zu erfahren suchen, wann bei der Auflösung der Welt der Jüngste Tag eintrifft, denn er kann ihn nicht kennen. Der Vater hat ihn nämlich in seinem verborgenen Geheimnis aufbewahrt. Bereitet euch also zum Gericht, o Menschen! Wie aber schon erwähnt wurde, wird der Sohn des Verderbens mit seinem Vater, dem Teufel, und mit all seinen Künsten in der Endzeit von meinem Sohn, dem stärksten Kämpfer, überwunden werden, wie auch die so starken Feinde des Samson, der sein Vorbild war, verworfen wurden, wie geschrieben steht.

 

42. Ein Beispiel von Samson

„Durch die starke Erschütterung der Säulen stürzte das Haus über allen Fürsten und den übrigen Leuten, die sich darin aufhielten, zusammen und er brachte sterbend viel mehr Menschen um, als er in seinem Leben getötet hatte" (Ri. 16,30). Das ist so:

Dem Sohn Gottes, d. h. dem so starken Samson, verband sich zuerst die Synagoge. Ihr teilte er in seiner wunderbaren Lehre die Geheimnisse (occulta) mit, welche im Alten Testament verborgen waren, und erschloß ihr gütig die Süße dieses Gesetzes, welche stärker als ein Löwe war. Sie aber täuschte ihn und bewirkte, daß seine Geheimnisse verspottet wurden; sie wollte nicht auf seine Lehre blicken, sondern verachtete sie in großem, hochmütigem Stolz (fastu superbiae). Daher verkündete er erzürnt (commotus), daß das Reich Gottes von ihr genommen und einem anderen Volk verliehen werde. Also zog er unter vielen Wunderzeichen mit einer sehr großen Schar nach Jerusalem hinauf und wurde durch den Unglauben derer, die ihre Kleider auf dem Weg ausbreiteten, getötet. Dort schenkte er ihnen durch die Wunder, durch die er von seiner Braut verraten worden war, was er verheißen hatte. Und mit demselben (Zor-n)eifer verließ er diese seine Braut, als er vorher verkündete, daß ihr Haus öde zurückgelassen werde. Doch der Vater jener Braut, nämlich die teuflische Täuschung, verband sie mit einem anderen Mann, d. h. mit dem Unglauben. Da sandte der Sohn Gottes kluge Wölfe, nämlich die Apostel aus. Sie verbrannten mit dem Feuer des Heiligen Geistes die Saaten ihrer Feinde, d. h. sie vertauschten die Gesetzesvorschriften mit geistiger Einsicht. So wurde die Synagoge mit ihrem Vater verbrannt, nämlich der schlimme Unglaube der Synagoge vernichtet. Darauf tötete er unter großen Zeichen und erstaunlichen Wundertaten die Ungläubigen, so daß alle vor lauter Betroffenheit erzitterten, als sie sagten, sie fürchteten, daß die Römer kommen und ihr Land und Volk vertilgen (tollere) würden. Deshalb sammelten sie ihre Horde, um ihn zu verderben, doch er verbarg sich auf einem Berg im Gebet; damals bat er darum, daß jener Kelch an ihm vorübergehen möge, wenn es möglich wäre.

Doch Judas Iskarioth verriet ihn und lieferte ihn den Händen seiner Feinde aus. Er aber verheimlichte die Stärke seiner Kraft, die er im Haar, d. h. in seinem Vater besaß. Das wußte das Volk nicht, nur im Glauben ist es erfaßbar, wie man die Haare am Kopf sieht. Als er später leiden wollte, zeigt er die Kraft seiner Stärke; er ergreift nämlich den Kinnbacken eines Esels, als er zu den Töchtern Jerusalems sagt, sie sollten nicht über ihn, sondern über sich selbst weinen. So setzte er ihnen zu (illas occidens), indem er ihnen nämlich den Schrecken der künftigen Übel voraussagte.

Und als er so erschöpft am Kreuz Durst empfand, ging vom Heidenvolk ein Quell des Glaubens aus. Er schämte sich nicht, davon zu trinken und sagte auch, daß es so vollbracht sei. Daher stieg er auch, als er aushauchte, in die Hölle, d. h. zur Buhlerin hinab, als seine Feinde ihn belagerten, da sie Wächter an sein Grab stellten. Doch er erstand vom Tod und gelangte mit den zwei Torflügeln — mit seinen besonderen Erwählten und mit dem ganzen Volk, die er aus der Hölle befreite — ins himmlische Reich. Aber es fragte ihn die allerschönste Braut — nämlich die Kirche, die so mit ihm vereint war — begierig (diligentissime), wie sie seine Kraft erkennen könnte. Er aber enthüllte ihr seine Kräfte nicht sofort auf einmal (repente), sondern nach und nach, wie es ihm angemessen schien (cum discretione). Wieso? Sobald die Gläubigen den katholischen Glauben empfangen hatten, glaubten manche von ihnen, daß sie, wie unter dem alten Gesetz, so auch im neuen bis zur Vervollkommnung wandeln müßten. Das war die Fessel aus frischen Sehnen, welche jedoch noch nicht ganz ausgetrocknet waren. Daher sprach die Kirche zu der noch unerfahrenen großen Menge: ,Das ist die Kraft meines Bräutigams.' Und das Volk, welches das hörte, wollte Gott in plötzlicher Begeisterung, als es diese Worte vernahm, nur verehren, aber nicht nach der Weisung (in significatione) des Heiligen Geistes wandeln. Doch so erkannte man seine Stärke nicht. Darauf erhob sich in edler Art die Jungfräulichkeit wie neue Stricke, die noch nie gebraucht wurden, da ja auch die Jungfräulichkeit bisher nicht als rühmlich galt. Diese Fessel berührte den Sohn Gottes zwar stark, zeigte ihn aber dennoch nicht vollständig. Die Kirche aber richtete sich empor und sprach:,O meine Freunde, das sind die stärksten Kräfte meines Bräutigams!' Und mit großem Geschrei stürzte sich eine Menge Volk plötzlich über ihn und rief: ,Wir haben ihn in seiner größten Kraft überlistet!' Doch auch so wurden seine Kräfte nicht sichtbar. Später wurde die Kirche durch die sieben Gaben des Heiligen Geistes — wie durch seine sieben Locken — unerschütterlich. Diese wurden mit einem starken Pflock als Stütze der apostolischen Verkünder eingeschlagen. Als daher auf diese Weise das Netz des Glaubens geknüpft war, rief die Kirche: ,O wie stark ist mein Bräutigam mit seinen sieben Locken!' Und alles Volk, das sie hörte, fiel über ihn her und glaubte, er habe keine größeren Kräfte. Doch auch diesmal verkannte man seine Kraft.

Von da an vergoß die Kirche viele Tränen, weil sie die Stärke der heiligen Dreifaltigkeit nicht kannte. Sie erklärte, daß sie zwar die Menschheit des Gottessohnes gesehen, doch seine Gottheit noch nicht vollständig begriffen habe. Davon bewegt, offenbarte er durch seinen geliebten Johannes zur Ehre des Vaters und in der Glut des Heiligen Geistes die Geheimnisse der heiligen Dreifaltigkeit, soweit es dem Menschen gestattet ist, sie zu kennen. Und so bettet (reclinans) er sein Haupt in den Schoß seiner Braut und ruht darin bis zu den großen Spaltungen, die durch den Sohn des Verderbens stattfinden werden. Dort nimmt man ihm (abscidetur) durch das Abscheren seiner Locken seine Kraft, da die Menschen jener Zeit mehr danach trachten, dem Sohn des Verderbens als ihm zu folgen und sagen: ,Was bedeutet das, o Gott, daß wir so große und viele Wunder sehen?' Und so wird seine Kraft geschwächt, als der wahre Glaube von der Blindheit des Unglaubens verdunkelt zu werden schien. Doch seine Kräfte werden wieder erwachen, wenn Henoch und Elias erscheinen. Deswegen schlägt er den Stolz und die Anmaßung tapfer nieder und vernichtet den Sohn des Verderbens mit allen teuflischen Listen und den übrigen Vergehen. Er wird die teuflischen Laster noch viel härter zerschlagen, sobald die Kirche unter dem christlichen Namen von der gegenwärtigen vergänglichen Welt in die Ewigkeit übergeht, als er es vorher tat, da der göttliche Kult noch zeitweise in der Welt Ansehen genoß (vigeret). Was bedeutet das? Wenn die Welt bereits zu Ende geht, werden auch die teuflischen Verfolgungen und das so starke Wirken der Tugendkräfte in den Menschen zeitweise aufhören.

Wer aber scharfe Ohren zum inneren Verständnis besitzt, lechze in leidenschaftlicher Liebe zu meinem Abbild nach diesen Worten und schreibe sie ins Gewissen seiner Seele ein.