Texte, die sich auf die zweite Wiederkunft Christi
am Ende der Zeiten beziehen.

Im Gegensatz zur endgültigen Wiederkunft des Herrn, aber beide Ausdrücke werden oft dasselbe bedeuten

weiteres...........................


GENERALAUDIENZ
Mittwoch 22. April 1998
Liebe Schwestern und Brüder!

Unsere Vorbereitungen auf das Große Jubiläum lenken unseren Blick zur ersten Ankunft Christi auf Erden zurück. Gleichzeitig schauen wir aber auch auf seine zweite Ankunft am Ende der Zeiten. Diese eschatologische Perspektive vermittelt der christlichen Existenz eine innere Spannung. Dadurch wird dem Menschen eine Ausrichtung auf die letzten Wirklichkeiten zuteil. So kann er in hoffnungsfroher Gelassenheit leben und sich zugleich für die Kirche und für die Welt einsetzen.
Das "Eschaton" steht nicht nur am Ende aller Zeiten. Es ist eine Wirklichkeit, die schon mit der Menschwerdung Christi in der Geschichte begonnen ist. Seine Passion, sein Tod und seine Auferstehung sind die wichtigsten Ereignisse der menschlichen Geschichte. Durch diese zentralen Momente der Erlösung erleben wir die Geschichte in ihrer letzten Phase.
Auf diese Weise ist die Mitte des Weltalls Christus und zieht alle an sich, um ihnen die Gnadenfülle und das ewige Leben zu vermitteln.


 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 26. Juli 2000

Liebe Schwestern und Brüder!
Seid wachsam, damit der Hausherr Euch nicht schlafend antrifft, wenn er plötzlich kommt. Diese Worte Jesu drücken das Wesen der christlichen Existenz aus: Das ganze Leben der Gläubigen ist ein Warten auf die Wiederkunft des Herrn.
Dieses Warten ist kein passiver Zeitvertreib. Unsere menschliche Existenz ist auf diese Begegnung mit Gott am Ende der Zeit ausgerichtet. Und doch ist es nicht einfach für uns Christen, in einer oberflächlichen und hastigen Gesellschaft, treu und gelassen auf diesen Zeitpunkt hin zu leben.
Seid wachsam! Wartet auf die Wiederkunft des Herrn, damit er seine Diener nicht schlafend antrifft!
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GENERALAUDIENZ
Mittwoch 26. Mai 1999
Liebe Schwestern und Brüder!
Unsere heutige Zeit ist sehr schnellebig. Dies gilt sowohl für Wissenschaft und Technik als auch für die Medien. Trotz des hohen Tempos bleibt die Frage: Wohin geht die Geschichte? Was ist ihr Ziel?
Das Alte Testament dachte in den Kategorien des Exodus. Nach dem Einzug in das gelobte Land sollte ein neuer Exodus folgen: "Ich nehme das Herz von Stein aus ihrer Brust und gebe ihnen ein Herz von Fleisch" (Ez 11,19). Was die Propheten als Ahnung verkündeten, davon gerät Johannes ins Schwärmen: "Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde (...), die heilige Stadt, das neue Jerusalem" (Apk 21, 1-2).
Diese Perspektive erscheint in neuem Licht, wenn wir sie von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi und von seiner Wiederkunft aus betrachten. Er ist gegangen, um uns einen Platz vorzubereiten. Denn die Heimat der Christen ist nicht hier auf dieser Erde. Sie ist im Himmel. Auf dieses Ziel strebt die Geschichte des Menschen zu. Zwar bleibt uns Zeit und Stunde der Wiederkunft unbekannt. Aber in dieser Spannung zu leben, kann auch spannend sein: warten auf den Moment, in dem Christus "jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt" (1 Kor 15,24).


GENERALAUDIENZ
Mittwoch 11. August 1999
Liebe Schwestern und Brüder!
In den letzten Katechesen haben wir uns mit den eschatologischen Wirklichkeiten beschäftigt, besonders mit dem ewigen Leben. Heute wollen wir über den Weg nachdenken, der zum ewigen Leben führt.
Die Erwartungen, die das Alte Testament in Bilder wie den Exodus oder das neue Jerusalem gekleidet hatte, wurden in Jesus Christus Wirklichkeit. Mit dem (ersten)Kommen des Erlösers steht die Geschichte endgültig unter dem Vorzeichen des Heils. Es bleibt jedoch eine Spannung: Wir leben in der Zeit zwischen "Schon" und "Noch nicht". Einerseits ist das Heil schon da, andererseits sind wir noch auf dem Weg zu seiner vollen Verwirklichung. Denn wir warten auf die Wiederkunft Christi.
Diese Spannung prägt auch unsere Sendung. Der Blick auf das Geheimnis vom "ewigen Ostern" ist gleichsam das Wasserzeichen für unseren Einsatz auf dieser Erde. Wer auf die letzten Dinge hinlebt, dem werden auch die vorletzten wichtig. Und wer sich in rechter Weise um die vorletzten Dinge müht, der tut es, weil er um die letzten weiß. So besteht zwischen Himmel und Erde, zwischen unserer Hoffnung auf das ewige Leben und unserem Einsatz in dieser Welt keineswegs ein Gegensatz. Im Gegenteil: Beide befruchten einander.

GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 19. November 1997
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Jahr 2000 ist nahe. Deshalb halte ich es für nötig, die Katechesen am Mittwoch Themen zu widmen, die uns helfen können, zum tieferen Sinn des Großen Jubiläums vorzudringen.
Wir leben in der Zeit zwischen dem ersten Kommen des Erlösers im Fleisch und seiner (zweiten) Wiederkunft in Herrlichkeit. Diese Periode stellt grundlegende Fragen: Was ist die Zeit? Wo liegt ihr Ursprung? Was ist ihr Ziel?
Im Blick auf den Anfang der Welt können wir sagen: Als Gott das Universum geschaffen hat, hat er auch die Zeit erschaffen. Die Zeit ist also ein Geschenk Gottes. Jeder Tag ist für uns ein Geschenk seiner Liebe. Aber nicht nur als Schöpfer der Welt ist Gott der Herr der Zeit, sondern auch dadurch, daß er die neue Schöpfung ins Leben gerufen hat - in Christus. Gott hat sein Versprechen, die Menschheit zu heilen und zu erneuern, dadurch eingelöst, daß er vor 2000 Jahren seinen Sohn in die Welt gesandt hat. Von daher bekommt das Große Jubiläum seine besondere Perspektive. Es soll ein Fest der Erneuerung der Menschheit und der Welt sein. Trotz der Schwierigkeiten und Leiden waren die 2000 Jahre, die hinter uns liegen, in erster Linie eine Zeit der Gnade.
Auch die Zukunft liegt in Gottes Hand. Denn die Zukunft des Menschen ist vor allem die Zukunft Gottes. Wir dürfen an dieser Zukunft mitbauen. Aber Gott ist und bleibt der Herr der Zeit. So sind wir gemein- sam unterwegs zum Großen Jubiläum - auf dem Weg der Hoffnung.


ANGELUS
I. Adventssonntag, 1. Dezember 2002

Liebe Brüder und Schwestern!
1. Mit dem Ersten Adventssonntag beginnt heute ein neues Kirchenjahr. Der Gott des Bundes hat sich in der Geschichte offenbart, und in der Geschichte feiert die Kirche seine Heilsmysterien: die Menschwerdung, die Passion, den Tod und die Auferstehung des Herrn Jesus Christus. So erneuert sich der Weg der Gläubigen ständig; dieser Weg ist gespannt zwischen dem von Christus verwirklichten "Schon" und dem "noch Nicht" seiner vollen Offenbarung.
Gott ist die Zukunft des Menschen und der Welt. Wenn der Menschheit der Sinn für Gott abhanden kommt, verschließt sie sich der Zukunft und verliert unweigerlich die Perspektive ihres Pilgerwegs durch die Zeit. Warum leben, warum sterben? Warum sich aufopfern, warum leiden?
Auf diese Fragen gibt das Christentum eine erfüllende Antwort. Deshalb ist Christus die Hoffnung der Menschheit. Er ist der wahre Sinn unseres Heute, weil er unser sicheres Morgen ist.
2. Der Advent erinnert uns daran, daß Er gekommen ist, aber auch daß Er kommen wird. Das Leben der Gläubigen ist in der Tat ein ständiges und wachsames Warten auf seine Wiederkunft. Die Aufforderung zur Wachsamkeit und zur Erwartung wird heute vom hl. Markus nachdrücklich betont; er wird uns im Laufe des gesamten neuen Kirchenjahres auf der Entdeckung des Geheimnisses Christi begleiten.
Im heutigen Abschnitt aus der zweiten großen Rede Jesu hebt der Evangelist den letztendlichen Sinn der Geschichte und der Schöpfung heraus und ermahnt uns, unser ganzes Dasein zu einer unermüdlichen Suche nach Christus zu machen. uns der Begegnung mit Ihm und aus der Betrachtung seines Antlitzes ergibt sich die missionarische Kraft, die uns aus dem Grau des Alltags herausführt, um Seine mutigen Zeugen zu werden.
3. Auf diesem Weg der Umkehr und des apostolischen Wirkens begleitet uns Maria, leuchtende Morgenröte und sicheres Geleit für unsere Schritte. Sie tut dies insbesondere, indem sie uns auffordert, über die freudenreichen Geheimnisse des Rosenkranzes nachzudenken. Wir wenden uns vertrauensvoll an sie, während wir uns nun darauf vorbereiten, am kommenden Sonntag das Hochfest ihrer Unbefleckten Empfängnis zu feiern.

Gründonnerstag, 20. April 2000
1. "Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen" (Lk 22,15).
Christus läßt uns durch diese Worte die prophetische Bedeutung des Paschamahles erkennen, das er mit seinen Jüngern im Abendmahlssaal von Jerusalem feiern wird.
In der ersten dem Buch Exodus entnommenen Lesung wird deutlich gemacht, wie sich das Pascha Jesu in den Kontext des Alten Bundes einfügte. Die Israeliten gedachten damit des Mahles, das ihre Väter zum Zeitpunkt ihrer Flucht aus Ägypten, ihrer Befreiung aus der Knechtschaft, hielten. Die Heilige Schrift schrieb vor, etwas vom Blut eines Lammes auf die beiden Türpfosten und den Türsturz der Häuser zu streichen. Außerdem war hinzugefügt, wie das Lamm gegessen werden mußte, nämlich: "Eure Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand […] hastig […] In dieser Nacht gehe ich durch Ägypten und erschlage […] jeden Erstgeborenen […] Das Blut an den Häusern, in denen ihr wohnt, soll ein Zeichen zu eurem Schutz sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich daran vorübergehen, und das vernichtende Urteil wird euch nicht treffen" (Ex 12,11-13).
Das Blut des Lammes erwirkte für die Söhne und Töchter Israels die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft unter der Führung Moses. Die Erinnerung an ein so außergewöhnliches Ereignis bot dem Volk Anlaß für ein Fest: Es war dem Herrn für die wiedererlangte Freiheit dankbar, die ein göttliches Geschenk und ein immer aktuelles menschliches Bemühen darstellt: "Diesen Tag sollt ihr als Ehrentag begehen. Feiert ihn als Fest zur Ehre des Herrn" (ebd. 12,14). Es ist das Osterfest des Herrn! Das Ostern des Alten Bundes!
2. "Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen" (Lk 22,15). Im Abendmahlssaal hält Christus im Gehorsam gegenüber den Vorschriften des Alten Bundes das Paschamahl mit seinen Jüngern. Er füllt diesen Ritus jedoch mit einem neuen Inhalt. Wir haben gehört, wie der hl. Paulus in der zweiten Lesung darüber berichtet, die aus dem ersten Brief an die Korinther stammt. In diesem Text, der als die älteste Beschreibung des Herrenmahles anzusehen ist, wird daran erinnert, daß Jesus "in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot [nahm], [er] sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: ›Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis.‹ Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: ›Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.‹ Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus diesem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt" (vgl. 1 Kor 11,23-26).
Diese feierlichen Worte sollten durch die Jahrhunderte die Erinnerung an die Einsetzung der Eucharistie überliefern. Jedes Jahr, am heutigen Tag, gedenken wir ihrer und kehren in geistiger Weise in den Abendmahlssaal zurück. Am heutigen Abend erlebe ich sie besonders berührt, da ich vor meinen Augen und in meinem Herzen die Bilder vom Abendmahlssaal bewahre, wo ich anlässlich meiner kürzlich unternommenen Jubiläumspilgerreise ins Heilige Land die Freude hatte, die Eucharistie zu feiern. Mein Ergriffensein verstärkt sich noch, weil dieses Jahr das zweitausendste Jubiläum der Menschwerdung gefeiert wird. In dieser Hinsicht gewinnt die Feier, die wir gerade erleben, eine besondere Tiefe. Im Abendmahlssaal füllte Jesus nämlich die alten Traditionen mit neuem Inhalt. Zudem nahm er die Ereignisse des nachfolgenden Tages vorweg, an dem sein Leib, der unbefleckte Leib des Lammes Gottes, aufgeopfert und sein Blut zur Erlösung der Welt vergossen werden sollte. Die Menschwerdung war gerade im Hinblick auf dieses Ereignis geschehen, im Hinblick auf das Ostern Christi, das Ostern des Neuen Bundes!
3. "Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt" (1 Kor 11,26). Der Apostel ruft uns dazu auf, uns dieses Geheimnisses beständig zu erinnern. Zugleich lädt er uns ein, jeden Tag unsere Mission als Zeugen und Verkünder der Liebe des Gekreuzigten zu leben, in der Erwartung der glorreichen Wiederkunft.
Aber wie kann man sich an dieses Heilsereignis erinnern? Wie kann man in der Erwartung der Wiederkunft Christi leben? Bevor er das Sakrament seines Leibes und seines Blutes einsetzte, wusch Christus, gebeugt und auf Knien, in der Haltung eines Dieners im Abendmahlssaal seinen Jüngern die Füße. Wir sehen ihn wieder, als er diese Handlung vollzieht, die in der hebräischen Kultur den Knechten und den niedrigsten Familienmitgliedern zukommt. Petrus weigert sich zuerst, aber der Meister überzeugt ihn, und auch er läßt sich schließlich zusammen mit den anderen Aposteln die Füße waschen. Gleich darauf erklärt Jesus jedoch, nachdem er sein Gewand wieder angelegt und bei Tisch Platz genommen hatte, den Sinn seiner Geste: "Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen (Joh 13,12-14). Dies sind Worte, die das Geheimnis der Eucharistie an den Dienst der Liebe binden und als einführende Erklärung für die Einsetzung des priesterlichen Dienstes angesehen werden können.
Durch die Einsetzung der Eucharistie vermittelt Jesus den Aposteln die Teilhabe an seinem Priestertum: das Priestertum des neuen und ewigen Bundes, kraft dessen Er und nur Er, immer und überall Urheber und Diener der Eucharistie ist. Die Apostel werden ihrerseits zu Dienern dieses erhabenen Glaubensgeheimnisses, das dazu bestimmt ist, bis zum Ende der Welt fortzubestehen. Gleichzeitig werden sie zu Dienern aller, die an diesem so großen Geschenk und Geheimnis Anteil haben.
Die Eucharistie, das höchste Sakrament der Kirche, ist an das Amtspriestertum gebunden, das auch im Abendmahlssaal entstanden ist als ein Geschenk der großen Liebe dessen, der "wußte, daß seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zu Vollendung" (Joh 13,1).
Die Eucharistie, das Priestertum und das neue Gebot der Liebe! Dies ist das lebendige Gedächtnis, das wir am Gründonnerstag betrachten.
"Tut dies zu meinem Gedächtnis": dies ist das Ostern der Kirche! Unser Ostern!

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
DIES DOMINI
SEINER HEILIGKEIT
PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, DEN KLERUS,
DIE ORDENSLEUTE
UND AN DIE GLÄUBIGEN
ÜBER DIE HEILIGUNG DES SONNTAGS

EINFÜHRUNG
Verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Schwestern und Brüder!
1. Der Tag des Herrn - wie der Sonntag seit der apostolischen Zeit (1) genannt wird - hat wegen seines engen Zusammenhanges mit dem eigentlichen Kern des christlichen Mysteriums in der Kirchengeschichte stets in hoher Achtung gestanden. Denn im Wochenrhythmus erinnert der Sonntag an den Tag der Auferstehung Christi. Er ist das wöchentliche Ostern, an dem der Sieg Christi über Sünde und Tod, die Vollendung der ersten Schöpfung in ihm und der Anbruch der "neuen Schöpfung" (vgl. 2 Kor 5,17) gefeiert wird. Er ist der Tag der anbetenden und dankbaren Beschwörung des ersten Tages der Welt und zugleich in der eifrigen Hoffnung die Vorwegnahme des "letzten Tages", an dem Christus in Herrlichkeit wiederkommen (vgl. Apg 1,11; 1 Thess 4,13-17) und "alles neu machen" wird (vgl. Offb 21,5)………………………..

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II. ZUM ABSCHLUSS DES "KREUZWEGS"
"Christus factus est pro nobis oboediens usque ad mortem - mortem autem crucis" (Phil 2,8).
1. "Christus war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (vgl. Phil 2,8-9). Diese Worte des hl. Paulus sind eine Zusammenfassung dessen, was der Karfreitag uns sagen will. An diesem Tag feiert die Kirche keine Eucharistie, als wolle sie darauf hinweisen, daß es an dem Tag, an dem sich der blutige Opfertod Christi am Kreuz vollzog, nicht möglich ist, ihn in unblutiger Weise im Sakrament gegenwärtig zu setzen.
Die Eucharistiefeier wird heute durch den eindrucksvollen Ritus der Kreuzverehrung ersetzt, den ich vor wenigen Stunden in der Petersbasilika gefeiert habe. Wer daran teilnahm, ist im Innern noch tief bewegt von den liturgischen Texten über das Leiden des Herrn, die zu Gehör gebracht wurden.
Wie könnte man ungerührt bleiben bei der eindringlichen Beschreibung, die Jesaja von dem "Mann voller Schmerzen" gibt, der, von den Menschen verachtet und gemieden, die Last unseres Leidens auf sich geladen hat und wegen unserer Sünden von Gott geschlagen wurde (vgl. Jes 53,3 f.)?
Und wie könnte man unempfindlich bleiben angesichts des "lauten Schreiens und der Tränen" Christi, die der Schreiber des Briefes an die Hebräer in Erinnerung ruft (vgl. Hebr 5,7)?
2. Während wir jetzt den Kreuzwegstationen gefolgt sind, haben wir die dramatischen Phasen des Leidens betrachtet: Christus, der das Kreuz trägt; der unter dessen Last niederfällt; der am Kreuz hängend leidet; der im Augenblick der äußersten Todesangst ruft: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist" (Lk 23,46), und seine vollkommene und vertrauensvolle Hingabe zum Ausdruck bringt.
Heute richtet sich unsere stärkste Aufmerksamkeit auf das Kreuz. Wir denken über das Geheimnis des Kreuzes nach, das seit Jahrhunderten im Opfertod so vieler Gläubigen, so vieler Männer und Frauen weiterlebt, die durch das Martyrium mit Jesu Tod vereinigt sind. Wir betrachten das Geheimnis der Todesangst und des Sterbens des Herrn, das auch in unseren
Tagen im Schmerz und Leiden der einzelnen Menschen und Völker fortdauert, die von Gewalt und Krieg schwer geprüft sind.
Wo der Mensch verwundet und getötet wird, da wird Christus selbst verletzt und gekreuzigt. Geheimnis des Schmerzes, Geheimnis grenzenloser Liebe!
Wir stehen schweigend und tief ergriffen vor diesem unergründlichem Geheimnis.
3. "Ecce lignum crucis ...Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt. Kommt, lasset uns anbeten!"
Am Schluß des Kreuzwegs hier beim Kolosseum erstrahlt das Kreuz heute abend mit außerordentlicher Kraft. Dieser Ort des alten Rom ist im Volksgedächtnis mit dem Martyrium der ersten Christen verbunden. Er ist deshalb ein besonders geeigneter Ort, um Jahr für Jahr Christi Leiden und Sterben neu zu erleben. "Ecce lignum Crucis!" Wie viele Brüder und Schwestern im Glauben hatten zur Zeit der römischen Verfolgungen teil am Kreuz Christi!
Der Text der Meditationen, die uns im Verlauf dieses Kreuzweges begleitet haben, wurde vom ehrwürdigen Bruder Karekin I. Sarkissian, dem höchsten Patriarchen und Katholikos aller Armenier, vorbereitet. Ich danke ihm herzlich und grüße ihn zusammen mit allen Christen Armeniens; dankbar gedenke ich des Besuches, den er mir kürzlich abgestattet hat. Meinen Gruß richte ich auch an Herrn Erzbischof Nerses Bozabalian, der in Vertretung des Katholikos von Armenien mit uns am Kreuzweg teilgenommen hat. Viele Brüder und Schwestern dieser Kirche und dieser Nation hatten durch ihr Lebensopfer teil am Kreuz Christi! Eng verbunden mit ihnen und mit all jenen, die allerorts in der Welt, in jedem Erdteil und in den verschiedenen Ländern des Erdkreises durch ihr Leiden und ihren Tod am Kreuz Christi teilhaben, wollen wir heute wiederholen: "Ecce lignum Crucis ... Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt. Kommt, lasset uns anbeten!"
4. Während die Finsternis der Nacht schon hereinfällt - ein deutliches Bild des Geheimnisses, das unsere Existenz umgibt -, bekennen wir vor dir, dem Kreuz unseres Heils, mit lautem Ruf unseren Glauben!
Herr, ein Lichtstrahl fällt von deinem Kreuz herab. In deinem Tod wird unser Tod besiegt. Uns wird die Hoffnung auf die Auferstehung angeboten.
Halte dich fest an deinem Kreuz, wir warten zuversichtlich auf deine Wiederkunft, Herr Jesus, unser Erlöser!
"Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit."
Amen!


Freitag, 28. März 1997
ABENDMAHLSMESSE IM PETERSDOM
PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II.
Gründonnerstag, 28. März 2002

1. "Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13, 1).
Diese Worte, die wir im soeben verkündeten Abschnitt aus dem Evangelium gehört haben, bringen sehr gut die Atmosphäre des Gründonnerstags zum Ausdruck. Sie lassen uns die Gefühle nachempfinden, von denen Christus "in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde" (1 Kor 11, 23), erfüllt war, und sie spornen uns an, in tiefer Dankbarkeit an dem feierlichen Ritus teilzunehmen, den wir heute vollziehen.
An diesem Abend treten wir in das Pascha-Mysterium Christi ein, das der dramatische und abschließende Moment - den wir so lange vorbereitet und erwartet haben - des Lebens des Wortes Gottes auf Erden ist. Jesus ist nicht zu uns gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen, und er hat die Dramen und Hoffnungen der Menschen aller Zeiten auf sich genommen. Indem er in mystischer Weise das Kreuzesopfer vorwegnahm, wollte er im Abendmahlssaal unter den Gestalten von Brot und Wein unter uns bleiben und übertrug den Aposteln und ihren Nachfolgern die Sendung und Macht, sein lebendiges und wirksames Gedächtnis im eucharistischen Ritus fortzuführen.
Diese Feier, die uns alle auf mystische Art mit einbezieht, führt uns in das österliche Triduum ein, in dessen Verlauf auch wir vom einzigen "Herrn und Meister" lernen werden, die "Hände zu reichen", um dorthin zu gehen, wohin wir zur Erfüllung des Willens des himmlischen Vaters gerufen werden.
2. "Tut dies zu meinem Gedächtnis" (1 Kor 11, 24 -25). Mit dieser Weisung, die uns dazu verpflichtet, seine Geste zu wiederholen, beschließt Jesus die Einsetzung des Altarsakraments. Auch zum Abschluß der Fußwaschung lädt Er uns ein, Ihn nachzuahmen: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (Joh 13, 15). Auf diese Weise stellt Er eine tiefe wechselseitige Beziehung her zwischen der Eucharistie, dem Sakrament seiner Opfergabe, und dem Gebot der Liebe, das uns dazu einlädt, die Brüder und Schwestern anzunehmen und ihnen zu dienen.
Die Teilnahme am Tisch des Herrn läßt sich nicht trennen von der Pflicht, den Nächsten zu lieben. Jedesmal, wenn wir an der Eucharistie teilnehmen, sprechen auch wir unser "Amen" vor dem Leib und Blut des Herrn. Wir verpflichten uns hierdurch, das zu tun, was Christus getan hat, nämlich unseren Brüdern "die Füße zu waschen", wobei wir uns in das konkrete und klare Abbild dessen verwandeln, der "[sich] entäußerte … und … wie ein Sklave [wurde]" (Phil 2, 7).
Die Liebe ist das wertvollste Erbe, das Er all jenen hinterlassen hat, die Er in seine Nachfolge ruft. Seine Liebe, an der seine Jünger Anteil haben, wird am heutigen Abend der gesamten Menschheit angeboten.
3. "Denn wer davon ißt und trinkt, ohne zu bedenken, daß es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er ißt und trinkt" (1 Kor 11, 29). Die Eucharistie ist eine großes Geschenk, aber sie bedeutet auch eine große Verantwortung für all jene, die sie empfangen. Jesus bekräftigt vor Petrus, der sich nur widerstrebend die Füße waschen läßt, die Notwendigkeit, rein zu sein, um am Opfermahl der Eucharistie teilzunehmen.
Die Tradition der Kirche hat stets die Beziehung zwischen der Eucharistie und dem Sakrament der Versöhnung hervorgehoben. Auch ich wollte dies im Schreiben an die Priester zum Gründonnerstag bekräftigen, in dem ich vor allem die Priester dazu eingeladen habe, mit neuem Staunen die Schönheit des Sakraments der Versöhnung zu betrachten. Nur so können sie es dann auch die Gläubigen wiederentdecken lassen, die ihrer pastoralen Sorge anvertraut sind.
Das Bußsakrament schenkt den Getauften wieder die göttliche Gnade zurück, die durch die Todsünde verloren gegangen ist, und es bereitet sie darauf vor, in würdiger Weise die Eucharistie zu empfangen. Zudem kann das Sakrament durch das direkte Gespräch, das seine Feier für gewöhnlich mit sich bringt, dem Bedürfnis nach persönlicher Kommunikation entgegenkommen, die heutzutage durch den schnellebigen Rhythmus der technologisierten Gesellschaft immer schwieriger wird. Durch sein erleuchtetes und geduldiges Wirken kann der Beichtvater den Pönitenten in jene tiefe Gemeinschaft mit Christus führen, die das Sakrament wiederherstellt und die Eucharistie zu ihrer vollen Verwirklichung bringt.
Die Wiederentdeckung des Sakraments der Versöhnung möge allen Gläubigen dabei helfen, mit Respekt und Verehrung an den Tisch des Leibes und Blutes des Herrn zu treten.
4. "Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13, 1).
Begeben wir uns in geistiger Weise in den Abendmahlssaal! Versammeln wir uns in gläubiger Gesinnung um den Altar des Herrn, und gedenken wir des Letzten Abendmahles. Indem wir die Gesten Christi wiederholen, verkünden wir, daß sein Tod die Menschheit von der Sünde erlöst hat und auch weiterhin eine Zukunft des Heils für die Menschen aller Zeiten eröffnet.
Es ist Aufgabe der Priester, den Ritus fortzuführen, der unter den Gestalten von Brot und Wein das Opfer Christi wirklich, tatsächlich und substantiell bis zum Ende der Zeiten vergegenwärtigt. Es ist Aufgabe aller Christen, demütige und aufmerksame Diener der Brüder und Schwestern zu werden, um an ihrem Heil mitzuwirken. Es ist Aufgabe jedes einzelnen Gläubigen, durch das eigene Leben zu verkünden, daß der Menschensohn die Seinen "bis zur Vollendung liebte". An diesem Abend wird unser Glaube durch die geheimnisvolle Stille gestärkt.
Mit der ganzen Kirche vereint, verkünden wir deinen Tod, o Herr. Voller Dankbarkeit verspüren wir schon die Freude über deine Auferstehung. Voll Zuversicht verpflichten wir uns, in Erwartung deiner glorreichen Wiederkunft zu leben. Heute und immer, o Christus, unser Erlöser


JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 21. August 2002

Liebe Schwestern und Brüder!
1. Heute kehre ich in Gedanken zurück zur achten Reise in meine Heimat. Die göttliche Vorsehung hat mir ermöglicht, sie in den vergangenen Tagen glücklich zu beenden.
Erneut bekunde ich dem Präsidenten der Republik Polen, dem Premierminister, den nationalen zivilen und militärischen Behörden jeder Art und jeden Grades sowie den Autoritäten der Stadt Krakau meine Dankbarkeit dafür, daß sie für den reibungslosen Ablauf meines Besuches gesorgt haben. Ein herzlicher Gedanke gilt auch dem Primas, Kardinal Józef Glemp, dem Erzbischof von Krakau, Kardinal Franciszek Macharski, dem gesamten Episkopat, den Priestern, den Gottgeweihten und allen, die dieses wichtige kirchliche Ereignis vorbereitet und mit Glauben und Andacht daran teilgenommen haben.
Vor allem möchte ich meinen lieben Landsleuten von Herzen Dank sagen dafür, daß sie mich in so großer Zahl it bewegender Zuneigung und intensiver Teilnahme empfangen haben. Mein Besuch galt nur einer Diözese, aber geistig habe ich ganz Polen eingeschlossen, dem ich wünsche, daß es seine Bemühungen, einen wahren sozialen Fortschritt zu erreichen, fortführt und niemals nachläßt, die ihm eigene christliche Identität treu zu schützen.
2. "Gott, der voll Erbarmen ist" (Eph 2, 4). Diese Worte sind während meiner Apostolischen Reise oft erklungen. Das vorrangige Ziel dieses Besuches bestand in der Tat eben darin, von neuem Gott, "der voll Erbarmen ist", zu verkünden, vor allem durch die Weihe des neuen Heiligtums der Göttlichen Barmherzigkeit in Lagiewniki. Die neue Kirche wird ein Zentrum sein, von dem das Feuer der Barmherzigkeit Gottes in die ganze Welt ausstrahlt, gemäß dem, was der Herr der hl. Faustyna Kowalska, der Verkünderin der göttlichen Barmherzigkeit, offenbart hat.
"Jesus, ich vertraue auf dich!": Das ist das einfache Gebet, das uns Schwester Faustyna gelehrt hat und das wir in jedem Augenblick unseres Lebens auf den Lippen haben können. Wie oft habe auch ich als Arbeiter und Student und dann als Priester und Bischof in schwierigen Zeiten der Geschichte Polens diese einfache und tiefgehende Anrufung wiederholt und deren Wirksamkeit und Kraft erfahren.
Die Barmherzigkeit ist eines der schönsten Attribute des Schöpfers und des Erlösers, und die Kirche existiert, um die Menschen zu dieser unerschöpflichen Quelle zu führen, deren Hüterin und Ausspenderin sie ist. Deshalb wollte ich der göttlichen Barmherzigkeit meine Heimat, die Kirche und die gesamte Menschheit weihen.
3. Die barmherzige Liebe Gottes öffnet das Herz auf konkrete Akte der Nächstenliebe hin. So war es bei Erzbischof Zygmunt Szczesny Felinski, Pater Jan Beyzym, Schwester Sancja Szymkowiak und beim Priester Jan Balicki, die ich zu meiner großen Freude im Rahmen der heiligen Messe in Krakau im Blonie-Park am letzten Sonntag seligsprechen durfte.
Ich wollte diese neuen Seligen dem Volk Gottes vorstellen, damit ihr Beispiel und ihre Worte Anreiz und Ermutigung sein mögen, tatkräftig die barmherzige Liebe des Herrn zu bezeugen, die das Böse durch das Gute besiegt (vgl. Röm 12, 21). Nur so ist es möglich, die erhoffte Zivilisation der Liebe aufzubauen, deren sanfte Gewalt im krassen Gegensatz steht zum "mysterium iniquitatis", das in der Welt am Wirken ist. Wir, die Jünger Christi, haben die Aufgabe, das große Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit zu verkünden und zu leben, das die Welt erneuert und dazu einlädt, den Nächsten und sogar die Feinde zu lieben. Die genannten Seligen sind zusammen mit den anderen Heiligen leuchtende Beispiele für die "Phantasie der Liebe", von der ich im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte gesprochen habe: Sie läßt uns den Leidenden nahe und solidarisch sein (vgl. Nr. 50), als Baumeister einer von der Liebe erneuerten Welt.
4. Meine Pilgerreise hat mich dann nach "Kalwaria Zebrzydowska" geführt, um an den 400. Jahrestag dieses Heiligtums zu erinnern, das der Passion Jesu und der schmerzhaften Gottesmutter geweiht ist. Mit diesem heiligen Ort bin ich seit meiner Kindheit verbunden. Viele Male habe ich dort erfahren, wie die Muttergottes ihre barmherzigen Augen auf den betrübten Menschen richtet, der der Weisheit bedarf und der Hilfe von Ihr, der Jungfrau der Gnaden.
Nach Tschenstochau ist es eines der bekanntesten und meistbesuchten Heiligtümer ganz Polens, zu dem die Gläubigen auch aus den Nachbarländern kommen. Nachdem sie den Kreuzweg und den "Weg des Mitleidens der Gottesmutter" gegangen sind, halten die Pilger vor dem alten und wundertätigen Bild der "Fürsprecherin Maria" inne, die sie mit einem liebevollen Blick empfängt. An ihrer Seite kann man das geheimnisvolle Band wahrnehmen und betrachten, das zwischen dem Erlöser, der auf Golgota gelitten hat, und seiner Mutter, die am Fuß des Kreuzes mit ihm gelitten hat, besteht. In dieser Gemeinschaft der Liebe im Leiden kann man leicht die Quelle jener mächtigen Fürsprache erkennen, die das Gebet der Jungfrau für ihre Kinder bewirkt.
Wir bitten die Muttergottes, in den Herzen den Funken der Gnade Gottes anzufachen, indem sie uns hilft, der Welt das Feuer der göttlichen Barmherzigkeit zu übermitteln. Maria möge es sein, die für alle die Gabe der Einheit und des Friedens erlangt:die Einheit des Glaubens, die Einheit des Geistes und der Gedanken, die Einheit der Familien;den Frieden der Herzen, den Frieden der Nationen und der Welt, in Erwartung der glorreichen Wiederkunft Christi.

Abendmahlsmesse am Gründonnerstag in St. Johannes im Lateran
PREDIGT
9. April 1998
1. "Verbum caro, panem verum verbo carnem efficit . . . ".
"Gottes Wort, ins Fleisch gekommen, / wandelt durch sein Wort den Wein / und das Brot zum Mahl der Frommen, / lädt auch die Verlornen ein. / Der Verstand verstummt beklommen, / nur das Herz begreift's allein".
Diese poetische Formulierung des hl. Thomas von Aquin fabt die heutige Liturgie des heutigen Abends "in cena Domini" sehr gut zusammen, und sie hilft uns, zum Mittelpunkt des Mysteriums, das wir heute feiern, vorzudringen. Im Evangelium lesen wir: "Jesus wubte, dab seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13,1). Heute ist der Tag, an dem wir uns an die Einsetzung der Eucharistie erinnern: Geschenk der Liebe und unerschöpfliche Quelle der Liebe. In ihr ist das neue Gebot eingeschrieben und verwurzelt: "Mandatum novum do vobis . . . - Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!" (Joh 13,34).
2. Die Liebe erreicht ihren Höhepunkt, wenn ein Mensch sich selbst vorbehaltlos Gott und seinen Brüdern schenkt. Indem er den Aposteln die Fübe wäscht, fordert der Meister sie zu einer Einstellung des Dienens auf: "Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Fübe gewaschen habe, dann mübt auch ihr einander die Fübe waschen" (Joh 13,13-14). Durch diese Geste offenbart Jesus eine seine Sendung kennzeichnende Eigenschaft: "Ich aber bin unter euch wie der, der bedient" (Lk 22,27). Es ist also nur derjenige ein wahrer Jünger Christi, der an Jesu Verhalten "Anteil nimmt" und sich - wie er - auch mit persönlichen Opfern in den Dienst der anderen stellt. Der Dienst, das heibt die Sorge um die Bedürfnisse des Nächsten, ist in der Tat das Wesentliche jeder wohlgeordneten Macht: regieren bedeutet dienen. Das priesterliche Amt, dessen Einrichtung wir heute feiern und verehren, setzt eine Haltung demütiger Verfügbarkeit voraus, vor allem gegenüber den Bedürftigsten. Das Ereignis des Letzten Abendmahls, dessen wir jetzt gedenken, können wir nur in dieser Perspektive ganz begreifen.
3. Der Gründonnerstag wird von der Liturgie als "das eucharistische Heute" bezeichnet, als der Tag, an dem "unser Herr Jesus Christus seinen Jüngern aufgetragen hat, die Geheimnisse seines Leibes und Blutes zu feiern" (Römischer Kanon zum Gründonnerstag). Vor seinem Kreuzesopfer am Karfreitag stiftete Jesus das Sakrament, das dieses sein Opfer durch alle Zeiten hindurch verewigt. In jeder heiligen Messe begeht die Kirche das Gedächtnis jenes entscheidenden Ereignisses der Geschichte. Mit gröbter Ehrfurcht beugt sich der Priester am Altar über die eucharistischen Opfergaben und spricht dieselben Worte, die Christus "am Abend, am dem er ausgeliefert wurde", gesagt hat. Über dem Brot wiederholt er: "Das ist mein Leib[, der] für euch [hingegeben wird]" (1Kor 11,24), und dann über dem Kelch: "Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut" (1Kor 11,25). Seit jenem Gründonnerstag vor fast zweitausend Jahren bis zu diesem Abend, Gründonnerstag 1998, lebt die Kirche durch die Eucharistie. Sie läbt sich von der Eucharistie formen und feiert sie fortwährend in Erwartung der Rückkehr ihres Herrn.
Machen wir uns heute abend die Aufforderung des hl. Augustinus zu eigen: Geliebte Kirche, "manduca vitam, bibe vitam: habebis vitam, et integra est vita!" "Ib das Leben, trink das Leben: So wirst du das Leben haben, und es wird unversehrt sein!" (vgl. Sermo CXXXI, I, 1).
4. "Pange, lingua, gloriosi corporis mysterium, sanguinisque pretiosi . . . ". Wir verehren dieses "mysterium fidei", das die Kirche unaufhörlich nährt. Möge der lebendige und ehrfurchtsvolle Sinn für dieses gröbte Geschenk, das die Eucharistie für uns ist, in unseren Herzen neu erwachen.
Und möge auch die Dankbarkeit neu erwachen, die auf der Anerkennung der Tatsache beruht, dab es in uns nichts gibt, was uns nicht vom Vater des Erbarmens geschenkt worden wäre (vgl. 2Kor 1,3). Die Eucharistie, das grobe "Geheimnis des Glaubens", bleibt in erster Linie und vor allem ein Geschenk, etwas, was wir "erhalten" haben. Das bestätigt der hl. Paulus, wenn er den Bericht über das Letzte Abendmahl mit folgenden Worten einführt: "Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe" (1Kor 11,23). Die Kirche hat es vom Herrn empfangen, und durch die Feier dieses Sakraments dankt sie dem himmlischen Vater für das, was er in Jesus Christus, seinem Sohn, für uns getan hat.
Bei jeder Eucharistiefeier nehmen wir dieses immer neue Geschenk in uns auf; wir lassen seine göttliche Kraft in unsere Herzen dringen und sie dazu befähigen, den Tod des Herrn in Erwartung seines Kommens zu verkünden. "Mysterium fidei" singt der Priester nach der Konsekration, und die Gläubigen antworten: "Mortem tuam annuntiamus, Domine . . . - Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit". In der Eucharistie ist die Substanz des Osterglaubens der Kirche enthalten.
Auch heute Abend danken wir dem Herrn, der dieses grobe Sakrament eingesetzt hat. Wir feiern und empfangen es, damit wir darin die Kraft finden, um auf dem Weg unseres Daseins vorangehen zu können und den Tag des Herrn zu erwarten. Dann werden auch wir dort Einlab finden, wohin Christus, der Hohe Priester, durch das Opfer seines Leibes und Blutes gelangt ist.
5. "Ave, verum corpus, natum de Maria Virgine: - Wahrer Leib, sei uns gegrüßet, den Maria uns gebar": So betet heute die Kirche.
Möge Maria, in der Jesus seinen Leib angenommen hat - den Leib, den wir heute Abend im eucharistischen Mahl brüderlich teilen -, uns bei dieser "Erwartung seiner Wiederkunft" begleiten.
"Esto nobis praegustatum mortis in examine - Gib uns, dab wir Dich genieben in der letzten Todsgefahr". Ja, nimm uns bei der Hand, eucharistischer Jesus, in jener letzten Stunde, die uns in das Licht deiner Ewigkeit einführt: "O Iesu dulcis! O Iesu pie! O Jesu, fili Mariae! - O lieber Jesus! O gütiger Jesus! O Jesus, Sohn Marias!"


GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 26. April 2000

1. In dieser Osteroktav, die als ein einziger, großer Tag betrachtet wird, wiederholt die Liturgie unermüdlich die Botschaft der Auferstehung: "Jesus ist wirklich auferstanden!" Diese Verkündigung eröffnet der ganzen Menschheit einen neuen Horizont. In der Auferstehung wird das Wirklichkeit, was in der Verklärung auf dem Tabor schon geheimnisvoll angedeutet war. Damals offenbarte der Erlöser Petrus, Jakobus und Johannes das Wunder der Herrlichkeit und des Lichtes. Es wurde von der Stimme des Vaters bestätigt: "Das ist mein geliebter Sohn" (Mk 9,7).
Am Osterfest erscheinen uns diese Worte in ihrer Fülle an Wahrheit. Der geliebte Sohn des Vaters, der gekreuzigte und gestorbene Christus, ist für uns auferstanden. In seinem Licht sehen wir Gläubigen das Licht, und "vom Geist erhoben - wie die Liturgie der Ostkirche sagt - preisen wir die wesensgleiche Dreifaltigkeit durch alle Jahrhunderte" (vgl. Große Vesper der Verklärung Christi). Mit von österlicher Freude erfülltem Herzen ersteigen wir heute in Gedanken den heiligen Berg, der die Ebene Galiläas überragt, um über das Ereignis nachzudenken, das sich dort oben vollzog und das Ostergeschehen vorwegnahm.
2. Christus ist der Mittelpunkt der Verklärung. Auf ihn sind zwei Zeugen des Alten Testaments ausgerichtet: Mose, Vermittler des Gesetzes, und Elija, Prophet des lebendigen Gottes. Die von der Stimme des Vaters verkündete Gottheit Christi wird auch von den Symbolen verdeutlicht, die Markus in seinen malerischen Zügen zeichnet. Er spricht in der Tat vom Licht und vom strahlenden Weiß, die Ewigkeit und Transzendenz darstellen: "Seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann" (Mk 9,3). Dann ist dort die Wolke, das Zeichen der Gegenwart Gottes beim Auszug des Volkes Israel und im Zelt des Bundes (vgl. Ex 13,21-22; 14,19.24; 40,34.38).
Und in der Matutin der Verklärung setzt die orientalische Liturgie den Lobpreis fort: "Unveränderliches Licht vom Licht des Vaters, o Wort, in deinem strahlenden Licht haben wir heute am Tabor das Licht gesehen, das der Vater ist, und das Licht, das der Geist ist; ein Licht, das jedes Geschöpf erleuchtet."
3. Dieser liturgische Text unterstreicht die trinitarische Dimension der Verklärung Christi auf dem Berg. Denn hier ist die Gegenwart des Vaters durch sein offenbarendes Wort deutlich geworden. Die christliche Überlieferung erkennt mit einbezogen auch die Gegenwart des Heiligen Geistes in Anbetracht des vergleichbaren Geschehens bei der Taufe im Jordan, wo der Geist in Gestalt einer Taube auf Christus herabkam (vgl. Mk 1,10). Das Gebot des Vaters: "Auf ihn sollt ihr hören" (Mk 9,7) setzt in der Tat voraus, daß Jesus vom Heiligen Geist erfüllt ist, so wie seine Worte "Geist und Leben" sind (vgl. Joh 6,63; 3,34-35).
So kann man einen Berg ersteigen, um innezuhalten, um zu betrachten und um sich in das Geheimnis des Lichtes Gottes zu versenken. Nach einem Bild, das die Mystiker besonders lieben, sind im Tabor alle Berge, die uns zu Gott führen, dargestellt. Ein weiterer Text der Ostkirche fordert uns zu diesem Aufsteigen nach oben und zum Licht auf: "Kommt, Völker, folgt mir! Steigen wir auf den heiligen und himmlischen Berg, bleiben wir geistlich in der Stadt des lebendigen Gottes und betrachten wir im Geiste die Gottheit des Vaters und des Geistes, die im eingeborenen Sohn erstrahlt" (vgl. Troparion zum Schluß des Kanons des hl. Johannes von Damaskus).
4. Wir betrachten in der Verklärung nicht nur das Geheimnis Gottes, indem wir von Licht zu Licht gehen (vgl. Ps 36,10), sondern wir sind auch eingeladen, das an uns gerichtete Wort Gottes zu hören. Über dem Wort des Gesetzes bei Mose und der Weissagung bei Elija ist das Wort des Vaters zu hören, der auf das des Sohnes verweist, wie ich vorhin andeutete. Der Vater stellt seinen "geliebten Sohn" vor mit der Aufforderung, auf ihn zu hören (vgl. Mk 9,7).
In der Auslegung des Verklärungsgeschehens stellt der Zweite Petrusbrief die Stimme Gottes ganz besonders heraus. Jesus Christus "hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden, und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen" (2 Petr 1,1719).
5. Anschauen und Zuhören, Betrachten und Folgsamsein sind also die Wege, die uns zum heiligen Berg führen, auf dem sich die Dreifaltigkeit in der Herrlichkeit des Sohnes offenbart. "Die Verklärung gibt uns eine Vorahnung der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, ›der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes‹ (Phil 3,21). Sie sagt uns aber auch, daß wir ›durch viele Drangsale … in das Reich Gottes gelangen‹ müssen (Apg 14,22)" (KKK, 556).
Wie uns die Spiritualität der orientalischen Kirche nahelegt, stellt uns die Liturgie von der Verklärung in den drei Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes eine "Dreiheit" vor Augen, die die göttliche Dreifaltigkeit betrachtet. Wie die drei Jünglinge im Feuerofen aus dem Buch Daniel (vgl. 3,5190) preist die Liturgie "Gott, Vater und Schöpfer, sie besingt das Wort, das ihnen zur Hilfe herabkam und das Feuer in Tau verwandelte, und lobpreist den Heiligen Geist, der durch die Jahrhunderte allen das Leben gibt" (vgl. Matutin am Fest der Verklärung).
Auch wir beten nun zum verklärten Christus mit den Worten des Kanons des hl. Johannes von Damaskus: "Du hast mich durch die Sehnsucht nach dir an dich gezogen, o Christus, und mich mit deiner göttlichen Liebe verwandelt. Verbrenne meine Sünden im unangreifbaren Feuer und erfülle mich mit deiner Sanftheit, damit ich vor Freude schaudere und deine Offenbarungen lobpreise."
JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ

Mittwoch 4. April 2001

1. Bevor wir mit der Erläuterung der einzelnen Psalmen und Cantica der Laudes beginnen, schließen wir heute die bei der letzten Katechese begonnene einführende Betrachtung ab. Wir tun dies ausgehend von einem Aspekt, der für die spirituelle Tradition sehr wichtig ist: Durch das Beten der Psalmen erfährt der Christ eine Art Übereinstimmung zwischen dem in der Schrift gegenwärtigen Geist und dem Geist, der kraft der Taufgnade in ihm wohnt. Mehr noch als mit eigenen Worten zu beten, macht er sich gewissermaßen zum Sprachrohr des "Seufzens, das wir nicht in Worte fassen können", von dem Paulus spricht (vgl. Röm 8,26) und durch das der Geist des Herrn die Glaubenden dazu bringt, sich der charakteristischen Anrufung Jesu - "Abba, Vater!" (Röm 8,15; Gal 4,6) - anzuschließen.
Die Mönche früherer Jahrhunderte waren sich dieser Wahrheit so sicher, daß es ihnen keine Sorge bereitete, die Psalmen in ihrer Muttersprache zu beten; es reichte ihnen der Gedanke, in gewisser Weise "Organe" des Heiligen Geistes zu sein. Sie waren davon überzeugt, daß ihr Glaube es ermöglichen würde, aus den Versen der Psalmen eine besondere "Kraft" des Heiligen Geistes freizusetzen. Die gleiche Überzeugung zeigt sich in jener typischen Verwendung der Psalmen, die "Stoßgebet" genannt wurde - vom lateinischen Wort "iaculum", d. h. Pfeil - als Hinweis auf die recht kurzen Psalmensprüche, die gleichermaßen wie feurige Spitzen beispielsweise gegen die Versuchungen "geschleudert" werden konnten. Johannes Cassianus, ein Schriftsteller, der zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert lebte, erinnert daran, daß einige Mönche die außerordentliche Wirksamkeit der knappen Einführung zum Psalm 70 entdeckt hatten: "Gott, komm herbei, um mich zu retten, Herr, eile mir zu Hilfe!", die seitdem zum Eingangstor des Stundengebets wurde (vgl. Conlationes, 10,10; CPL 512, 298 ff.).
2. Neben der Gegenwart des Heiligen Geistes ist eine weitere wichtige Dimension die des priesterlichen Handelns, die Christus in dieser Form des Gebets entfaltet, wobei er die Kirche, seine Braut, mit sich verbindet. In diesem Zusammenhang lehrt das II. Vatikanische Konzil im Hinblick auf das Stundengebet: "Der Hohepriester des neuen und ewigen Bundes, Jesus Christus, […] schart die gesamte Menschengemeinschaft um sich, um gemeinsam mit ihr diesen göttlichen Lobgesang zu singen. Diese priesterliche Aufgabe setzt er nämlich durch seine Kirche fort; sie lobt den Herrn ohne Unterlaß und tritt bei ihm für das Heil der ganzen Welt ein nicht nur in der Feier der Eucharistie, sondern auch in anderen Formen, besonders im Vollzug des Stundengebetes" (Sacrosanctum Concilium, 83).
Auch das Stundengebet besitzt also den Charakter eines öffentlichen Gebets, dem sich die Kirche besonders verbunden fühlt. Es ist erhellend, die Art und Weise wiederzuentdecken, wie die Kirche diese ihre besondere Verpflichtung zu einem Gebet, das auf die verschiedenen Abschnitte des Tages verteilt ist, im Laufe der Zeit definiert hat. Dazu muß man in die früheste Zeit der apostolischen Gemeinschaft zurückgehen, als noch eine enge Verbindung zwischen den christlichen und den sogenannten "gesetzlichen" Gebeten, also den vom mosaischen Recht vorgeschriebenen Gebeten, bestand, die zu bestimmten Tageszeiten im Tempel in Jerusalem verrichtet wurden. Aus der Apostelgeschichte wissen wir, daß die Apostel "einmütig im Tempel verharrten" (vgl. 2,46), oder auch daß sie "um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinaufgingen" (3,1). Wir wissen ebenfalls, daß die "gesetzlichen Gebete" im eigentlichen Sinn eben jene am Morgen und am Abend waren.
3. Nach und nach wählten die Jünger Jesu verschiedene Psalmen aus, die für bestimmte Zeiten des Tages, der Woche oder des Jahres besonders geeignet waren, denn sie hatten darin einen tiefen Sinn hinsichtlich des christlichen Geheimnisses erkannt. Maßgeblicher Zeuge für diesen Prozeß ist der hl. Cyprian, der in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts folgendes schrieb: "Denn auch in der Frühe muß man beten, um die Auferstehung des Herrn in der Morgenandacht zu feiern. Dies deutete einst der Heilige Geist in den Psalmen an mit den Worten: ›Mein König und mein Gott, denn zu Dir will ich beten, mein Herr, in der Frühe. Und du wirst meine Stimme hören; frühe will ich vor Dich treten und Dich ansehen‹ (Ps 5,3 -4) […] Ebenso hat man unbedingt wieder zu beten, wenn die Sonne untergeht und der Tag sich neigt; denn Christus ist die wahre Sonne und der wahre Tag. Wenn wir also beim Untergang der zeitlichen Sonne und beim Schwinden des zeitlichen Tages darum beten und bitten, das Licht möge von neuem über uns aufgehen, so flehen wir um die Ankunft Christi, die uns die Gnade des ewigen Lichtes bringen soll" (Über da Gebet des Herrn, 35; aus: BKV, Bd. 34, Kempten/München 1918).
4. Die christliche Überlieferung beschränkte sich nicht auf die Fortsetzung der jüdischen Tradition, sondern sie erneuerte einige Dinge, die der gesamten Gebetserfahrung der Jünger Jesu eine eigenständige Prägung geben sollten. Neben dem morgendlichen und abendlichen Gebet des Vaterunser wählten die Christen sich frei die Psalmen aus, mit denen sie ihr tägliches Gebet verrichten wollten. Im Laufe der Geschichte führte dieser Prozeß zur bevorzugten Verwendung bestimmter Psalmen anläßlich einiger besonders wichtiger Glaubensereignisse. Die wichtigste Rolle spielte dabei das Gebet der Vigil, das auf den Tag des Herrn, den Sonntag, vorbereitete, an dem das Ostern der Auferstehung gefeiert wurde.
Eine typisch christliche Eigenheit war überdies die Hinzufügung der trinitarischen Doxologie - "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist" - am Ende jeden Psalms und Canticums. So wird jeder Psalm und jeder Canticum von der Fülle Gottes erleuchtet.
5. Das christliche Gebet entsteht, nährt und entwickelt sich aus dem Glaubensereignis par excellence, nämlich dem Ostergeheimnis Christi. So gedachte man morgens und abends, bei Sonnenaufgang und -untergang, des Osterfestes, also des Übergangs des Herrn vom Tod zum Leben. Das Symbol Christi als "Licht der Welt" erscheint im Licht, das während des Vespergebets entzündet wird, das man deshalb auch "lucernarium" nennt. Die Stunden des Tages wiederum erinnern an den Bericht von der Passion des Herrn, und die dritte Stunde überdies an die Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten. Das Nachtgebet schließlich besitzt eschatologischen Charakter durch den Hinweis auf die Wachsamkeit, die Jesus in Erwartung seiner Wiederkunft fordert (vgl. Mk 13,35 -37).
Durch diese Unterteilung ihres Gebets entsprachen die Christen dem Gebot des Herrn, "allzeit zu beten" (vgl. Lk 18,1; 21,36; 1 Thess 5,17; Eph 6,18), ohne allerdings dabei zu vergessen, daß das ganze Leben gewissermaßen zum Gebet werden muß. Origenes schreibt dazu: "Unablässig betet, wer sein Gebet mit Taten, und Taten mit Gebet verbindet" (De oratione, 12,2; aus: KKK, 2745).
Dieser Horizont stellt in seiner Gesamtheit das natürliche Umfeld des Gebets der Psalmen dar. Wenn sie auf diese Weise empfunden und erlebt werden, dann wird die jeden Psalm krönende trinitarische Doxologie für jeden Christgläubigen zum ständigen Wiedereintauchen, auf der Welle des Geistes und in Gemeinschaft mit dem ganzen Gottesvolk, in jenen Ozean des Lebens und des Friedens, in den er bei der Taufe eingesenkt wurde, nämlich in das Geheimnis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Schwestern und Brüder!
Das sogenannte Stundengebet ist das öffentliche Gebet der Kirche. Alle Priester, Diakone und Ordensleute beten im Auftrag und im Namen der Kirche zu Gott dem Vater, der das Leben schenkt und den Menschen vom Tod erlöst.
Wichtigster Bestandteil dieses Gebetes sind die Psalmen aus dem Alten Testament. Vom frühen Morgen bis zur Tiefe der Nacht: immerwährend ist das Lob Gottes auf den Lippen des Menschen. Jede Stunde des Tages hat das ihr eigene Gebet. Die Psalmen deuten von alters her die einzelnen Zeiten.
Der Heilige Geist, der die Psalmen mit seiner Gegenwart belebt, erhebt das Herz des Beters zu Gott. Der Lobgesang, den Jesus Christus an den Vater richtet, wird in die Geschichte hinein verlängert. Auf diese Weise bindet der Erlöser seine Kirche besonders eng an sich.
Der Lobpreis auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist am Ende eines jeden Psalmes gibt den Worten aus dem Alten Testament einen Rahmen und schenkt ihnen den vollen theologischen
PREDIGT DES HEILIGEN VATERS

Sonntag, 21. Oktober 2001
Weltmissionstag
1. "Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?"
(vgl. Lk 18, 8). "
Die Frage, mit der Jesus jenes Gleichnis beendet, in dem er von der Notwendigkeit spricht, "allezeit zu beten und nicht nachzulassen" (vgl. Lk 18, 1), rüttelt unser Innerstes auf. Es ist eine Frage, auf die keine Antwort erfolgt: Denn sie wird jeder Person, jeder kirchlichen Gemeinschaft, jeder menschlichen Generation gestellt. Die Antwort muß jeder von uns selbst geben. Christus will uns daran erinnern, daß das Dasein des Menschen auf die Begegnung mit Gott ausgerichtet ist;aber gerade in dieser Hinsicht fragt er sich, ob er bei seiner Wiederkunft noch Menschen finden wird, die ihn bereitwillig erwarten, um mit ihm ins Haus des Vaters einzutreten. Darum sagt er zu allen: "Seid also wachsam! Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde" (Mt 25, 13).
Liebe Brüder und Schwestern! Liebe Familien! Wir haben uns heute anläßlich der Seligsprechung der beiden Eheleute Luigi e Maria Beltrame Quattrocchi zusammengefunden. Mit diesem feierlichen kirchlichen Akt wollen wir ein Modell der bejahenden Antwort auf die Frage Christi vorstellen. Die Antwort wird von zwei Eheleuten gegeben, die in Rom während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebten, in einem Jahrhundert, in dem der Glaube an Christus auf eine harte Probe gestellt wurde. Die Eheleute Luigi und Maria ließen auch in diesen schweren Jahren das Licht des Glaubens - "lumen Christi" - leuchten und gaben es an ihre vier Kinder weiter, von denen drei heute hier in dieser Basilika anwesend sind. Meine Lieben, eure Mutter schrieb über euch: "Wir erzogen sie im Glauben, damit sie Gott erkennen und ihn lieben" (L'ordito e l trama, S. 9). Eure Eltern gaben aber dieses lebendige Licht auch weiter an die Freunde, die Bekannten, die Kollegen …Und - vom Himmel aus - schenken sie es jetzt der ganzen Kirche.
Ich begrüße neben den Verwandten und Freunden der neuen Seligen die kirchlichen Würdenträger, die an dieser Feier teilnehmen, angefangen bei Kardinal Camillo Ruini und den anwesenden Herren Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen. Außerdem begrüße ich die Vertreter der zivilen Autoritäten, unter ihnen den italienischen Staatspräsidenten und die Königin von Belgien.
2. Es gab keine bessere und bedeutsamere Gelegenheit als die heutige, um der Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens Familiaris consortio vor 20 Jahren zu gedenken. Dieses Dokument behält auch heute noch seine volle Aktualität. Es beschreibt nicht nur den Wert der Ehe und die Aufgaben der Familie, sondern ermutigt zu verstärkten Anstrengungen auf dem Weg zur Heiligkeit, zu der die Eheleute durch die sakramentale Gnade berufen sind, denn diese "erschöpft sich nicht in der Feier des Ehesakramentes, sondern begleitet die Gatten durch ihr ganzes Leben" (Familiaris consortio, 56). Die Schönheit dieses Weges leuchtet im Zeugnis der sel. Luigi und Maria auf, einem beispielhaften Zeichen des italienischen Volkes, das dem Ehebund und der auf ihm gegründeten Familie so viel verdankt.
Diese Eheleute haben im Licht des Evangeliums und mit großem menschlichen Einsatz die eheliche Liebe und den Dienst am Leben vorgelebt. Sie haben die volle Verantwortung und Aufgabe übernommen, mit Gott im Schöpfungswerk zusammenzuarbeiten, indem sie sich den Kindern hochherzig widmeten, um sie zu erziehen, zu leiten und auf die Entdeckung seines Liebesplans hin auszurichten. Aus diesem geistlich so fruchtbaren Boden sind Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben hervorgegangen, die zeigen, wie eng Ehe und Jungfräulichkeit miteinander verbunden sind, angefangen von der gemeinsamen Verankerung in der bräutlichen Liebe des Herrn.
Indem sie aus dem Wort Gottes und dem Zeugnis der Heiligen schöpften, haben die Eheleute ein gewöhnliches Leben auf außergewöhnliche Weise gelebt. Inmitten der Freuden und Sorgen einer normalen Familie verstanden sie es, ein außerordentlich reiches geistliches Leben zu führen. Im Mittelpunkt stand die tägliche Feier der Eucharistie, zu der die kindliche Verehrung der Jungfrau Maria, das Rosenkranzgebet am Abend und die Beziehung zu klugen geistlichen Ratgebern hinzukamen. So wußten sie die Kinder in der Berufswahl zu begleiten, indem sie sie lehrten, alles "vom Dach aus nach oben" zu bewerten, wie sie oft und gerne sagten.
3. Der Reichtum des Glaubens und der Liebe der Eheleute Luigi und Maria Beltrame Quattrocchi ist ein lebendiger Beweis für das, was das Zweite Vatikanische Konzil mit der Berufung aller Gläubigen zur Heiligkeit meinte, als es bekräftigte, daß die Eheleute dieses Ziel anstreben und dabei "proprium viam sequentes", "ihren eigenen Weg gehen" sollen (Lumen gentium, 41). Diese besondere und genaue Weisung des Konzils findet heute volle Verwirklichung mit der ersten Seligsprechung eines Ehepaares: Bei diesem wurden die Treue zum Evangelium und der heroische Tugendgrad, ausgehend von ihrem Lebensstand als Eheleute und als Eltern, festgestellt.
In ihrem Leben wie in dem vieler anderer Ehepaare, die sich bemühen, Tag für Tag ihren Pflichten als Eltern nachzukommen, kann man beobachten, wie die Liebe Christi zur Kirche sakramental aufscheint. Denn die Eheleute erfüllen "in der Kraft dieses Sakramentes ihre Aufgabe in Ehe und Familie. Im Geist Christi, durch den ihr ganzes Leben mit Glaube, Hoffnung und Liebe durchdrungen wird, gelangen sie mehr und mehr zu ihrer eigenen Vervollkommnung, zur gegenseitigen Heiligung und so gemeinsam zur Verherrlichung Gottes" (Gaudium et spes, 48).
Liebe Familien, heute haben wir einen wunderbaren Beweis dafür, daß der gemeinsame Weg zur Heiligkeit als Ehepaar möglich und schön ist; und er ist außerordentlich fruchtbar und entscheidend für das Wohl der Familie, der Kirche und der Gesellschaft.
Dies bewegt uns dazu, den Herrn zu bitten, daß immer mehr Ehepaare imstande sind, durch die Heiligkeit ihres Lebens das "tiefe Geheimnis" der ehelichen Liebe aufscheinen zu lassen, das in der Schöpfung seinen Ursprung hat und in der Einheit Christi mit der Kirche seine Vollendung findet (vgl. Eph 5, 22 -33).
4. Wie jeder Weg der Heiligung, so ist auch der eurige, liebe Eheleute, nicht leicht. Ihr habt jeden Tag Schwierigkeiten und Prüfungen zu bewältigen, um eurer Berufung treu zu bleiben, die Harmonie in der Ehe und Familie zu pflegen, eure Sendung als Eltern zu erfüllen und am Leben der Gesellschaft teilzuhaben.
Ihr sollt im Wort Gottes die Antwort auf die vielen Fragen suchen, die das Alltagsleben euch stellt. Der Apostel Paulus hat uns in der Zweiten Lesung daran erinnert, daß "jede von Gott eingegebene Schrift auch nützlich ist zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit" (2 Tim 3, 16). Gestützt von der Kraft dieses Wortes, könnt ihr gemeinsam dafür eintreten, "ob man es hören will oder nicht", indem ihr die Kinder "in unermüdlicher und geduldiger Belehrung" ermahnt und ermutigt (2 Tim 4, 2).
Das Ehe-und Familienleben kennt auch Momente der Verirrung. Ich denke besonders an diejenigen, die das Drama der Trennung erleben; ich denke an diejenigen, die eine Krankheit ertragen müssen, und an jene, die unter dem frühzeitigen Ableben des Ehepartners leiden. Auch in diesen Situationen kann man ein deutliches Zeugnis der Treue in der Liebe geben, das mit der Läuterung im durchlittenen Schmerz noch bedeutsamer geworden ist.
5. Ich vertraue alle geprüften Familien der fürsorgenden Hand Gottes und der liebevollen Sorge Marias an, des erhabenen Vorbilds als Braut und Mutter, die das Leiden und die Mühe der Nachfolge Christi bis unters Kreuz sehr gut gekannt hat. Liebe Eheleute, laßt euch nie von der Hoffnungslosigkeit überwältigen: Die Gnade des Sakraments stützt und hilft euch, die Arme ständig zum Himmel zu erheben wie Mose, von dem die Erste Lesung berichtet (vgl. Ex 17, 11 -12). Die Kirche ist euch nahe und hilft euch mit ihrem Gebet, vor allem in schwierigen Momenten.
Ich bitte zugleich alle Familien, ihrerseits die Arme der Kirche zu stützen, damit sie nie in ihrer Sendung der Fürbitte, des Trostes, der Leitung und Ermutigung nachläßt. Liebe Familien, ich danke euch für die Hilfe, die ihr auch mir in meinem Dienst an der Kirche und an der Menschheit leistet. Ich bitte den Herrn jeden Tag, daß er all den Familien, die unter Armut und Ungerechtigkeit leiden, helfen möge und die Zivilisation der Liebe wachsen lasse.
6. Meine Lieben, die Kirche vertraut auf euch, wenn sie die Herausforderungen in Angriff nimmt, die sich ihr im neuen Jahrtausend stellen. Unter den Wegen ihrer Sendung "ist die Familie der erste und der wichtigste" (Brief an die Familien, 2); die Kirche zählt auf sie und fordert sie auf, "echtes Subjekt der Evangelisierung und des Apostolats" zu sein (ebd., 16).
Ich bin sicher, daß ihr diesen Anforderungen allerorts und unter allen Umständen gewachsen seid. Liebe Eheleute, ich ermutige euch, eure Rolle und eure Pflichten vollkommen wahrzunehmen. Erneuert in euch selbst den missionarischen Schwung, indem ihr euer Heim zum vorrangigen Ort für die Verkündigung und die Aufnahme des Evangeliums macht in einer Atmosphäre des Gebets und in konkret gelebter christlicher Solidarität.
Der Heilige Geist, der Marias Herz erfüllt hat, damit sie in der Fülle der Zeit das Wort des Lebens empfangen und es mit ihrem Bräutigam Josef aufnehmen kann, stehe euch bei und stärke euch. Er erfülle eure Herzen mit Freude und Frieden, so daß ihr dem himmlischen Vater, von dem jede Gnade und jeder Segen kommt, alle Tage Lob und Dank darbringt.
Amen!
PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II.
AM FEST DER KATHEDRA PETRI
WÄHREND DER HEILIGJAHRFEIER DER RÖMISCHEN KURIE
Dienstag, 22. Februar 2000
1. "Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen" (Mt 16,18).
Wir haben als Pilger die Heilige Pforte der Vatikanbasilika durchschritten, und nun lenkt das Wort Gottes unsere Aufmerksamkeit auf das, was Christus zu Petrus und über Petrus gesagt hat.
Wir sind um den Confessio-Altar versammelt, der über dem Grab des Apostels errichtet wurde, und unsere Gemeinde wird von jener besonderen Dienstgemeinschaft gebildet, die sich die Römische Kurie nennt. Das "ministerium petrinum" [das "Petrusamt"], d.h. der dem Bischof von Rom eigene Dienst, an dem jeder von euch in seinem Arbeitsbereich gerufen ist, mitzuarbeiten, vereinigt uns in einer einzigen Familie und inspiriert unser Gebet bei dem feierlichen Anlaß, den die Römische Kurie heute feiert, das Fest der Kathedra Petri.
Wir alle, und an erster Stelle ich selbst, sind tief berührt von den Worten des Evangeliums, die soeben verkündet wurden: "Du bist der Messias … Du bist Petrus" (Mt 16,16.18). In dieser Basilika, am Ort des Gedenkens des Martyriums des Fischers aus Galiläa, widerhallen sie mit besonderer Beredsamkeit, gesteigert durch die intensive geistliche Atmosphäre des Zweitausendjahr-Jubiläums der Menschwerdung.
2. "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16.16): Das ist das Glaubensbekenntnis des Apostelfürsten. Das ist auch das Bekenntnis, das wir heute erneuern, verehrte Mitbrüder, Kardinäle, Bischöfe und Priester, gemeinsam mit euch allen, liebe Ordensmänner, Ordensfrauen und Laien, die ihr eure geschätzte Mitarbeit im Bereich der Römischen Kurie leistet. Wir wiederholen die lichtvollen Worte des Apostels mit besonderer Ergriffenheit an diesem Tag, an dem wir unser spezielles Jubiläum feiern.
Und die Antwort Christi ertönt kraftvoll in unserem Herzen: "Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen" (Mt 16,18). Der Evangelist Johannes bezeugt, daß schon bei der ersten Begegnung, als sein Bruder Andreas ihn zu Jesus führte, dieser dem Simon den Namen "Kephas" gab (vgl. Joh 1,41-42). Der Bericht des Matthäus hingegen verleiht dieser Geste Jesu größte Bedeutung. Er setzt sie nämlich an eine zentrale Stelle der messianischen Sendung Jesu, der hier die Bedeutung des Namens "Petrus" erklärt und mit dem Aufbau der Kirche in Zusammenhang bringt.
"Du bist der Messias": Auf diesem Glaubensbekenntnis des Petrus und der darauffolgenden Erklärung Jesu: "Du bist Petrus" ist die Kirche gegründet. Ein unbesiegbares Fundament, das die Mächte des Bösen nicht zerstören können: Garant dafür ist der "Vater im Himmel" (Mt 16,17). Die Kathedra Petri, die wir heute feiern, stützt sich nicht auf menschliche Sicherheiten - "Fleisch und Blut" -, sondern auf Christus, den Eckstein. Und auch wir fühlen uns wie Simon "selig", denn wir wissen, daß wir uns nur des ewigen und voraussehenden Planes Gottes rühmen können.
3. "Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern" (Ez 34,11). Die erste Lesung aus der berühmten Weissagung des Propheten Ezechiel über die Hirten Israels weist deutlich auf den pastoralen Charakter des Petrusamtes hin. Es ist der Charakter, der wiederum die Natur und den Dienst der Römischen Kurie bestimmt, deren Sendung gerade darin besteht, mit dem Nachfolger Petri zusammenzuarbeiten bei der ihm von Christus anvertrauten Aufgabe, seine Herde zu weiden. "Jetzt will ich meine Schafe selber […] auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen" (Ez 34,11.15). "Ich selber": Das sind die wichtigsten Worte. Sie drücken in der Tat die Entschlossenheit aus, mit der Gott die Initiative ergreifen und sich in erster Person um sein Volk kümmern will. Wir wissen, daß die Verheißung - "Ich selber" - Wirklichkeit geworden ist. Sie ist in Erfüllung gegangen in der Fülle der Zeit, als Gott seinen Sohn, den Guten Hirten, gesandt hat, die Herde zu weiden "in der Kraft des Herrn, im hohen Namen […] Gottes" (Mi 5,3). Er hat ihn gesandt, die verstreuten Kinder Gottes zu sammeln und sich als Lamm hinzugeben, sanftes Sühneopfer auf dem Altar des Kreuzes.
Das ist das Vorbild des Hirten, das Petrus und die anderen Apostel kennen und nachahmen lernten, als sie bei Jesus waren und an seinem messianischen Dienst teilnahmen (vgl. Mk 3,14-15). Den Widerhall dessen vernimmt man in der zweiten Lesung, in der Petrus sich als "ein Zeuge der Leiden Christi" bezeichnet, der "auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird" (1 Petr 5,1). Der Hirt Petrus ist ganz geprägt vom Hirten Jesus und der Dynamik seines Passah. Das "Petrusamt" wurzelt in dieser einzigartigen Gleichgestaltung Petri und seiner Nachfolger mit Christus, eine Gleichgestaltung, die in einem besonderen Charisma der Liebe ihre Grundlage hat: "Liebst du mich mehr als diese? […] Weide meine Lämmer!" (Joh 21,15).
4. Bei einer Gelegenheit wie der heutigen Feier kann der Nachfolger Petri nicht vergessen, was vor dem Leiden Christi geschah - am Ölberg, nach dem Letzten Abendmahl. Keiner der Apostel schien sich darüber Rechenschaft zu geben, was als nächstes geschehen würde und was Jesus sehr gut wußte: Er wußte, daß er sich dorthin begeben würde, um zu wachen und zu beten und sich so vorzubereiten auf "seine Stunde", die Stunde des Todes am Kreuz.
Er hatte zu den Aposteln gesagt: "Ihr werdet alle (an mir) Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe zerstreuen" (Mk 14,27). Und Petrus hatte entgegnet: "Auch wenn alle (an dir) Anstoß nehmen - ich nicht!" (Mk 14,27). Darauf Jesus: "Amen, ich sage dir: Noch heute nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen" (Mk 14,30). "Und wenn ich mit dir sterben müßte - ich werde dich nie verleugnen" (Mk 14,31), hatte Petrus entschlossen beteuert, und mit ihm die anderen Apostel. Und Jesus: "Simon, Simon, der Satan hat verlangt, daß er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder" (Lk 22,31-32).
Hier haben wir das Versprechen Christi, das uns tröstliche Gewißheit ist: Das Petrusamt ist nicht auf menschliche Fähigkeiten und Kräfte gegründet, sondern auf das Gebet Christi, der den Vater darum bittet, daß der Glaube des Simon "nicht erlischt" (Lk 22,32). Wenn er sich dann "wieder bekehrt" hat, kann Petrus seinen Dienst unter den Brüdern ausführen. Die Bekehrung des Apostels - wir können fast sagen: seine zweite Bekehrung - bildet so den entscheidenden Abschnitt auf seinem Weg der Nachfolge des Herrn.
5. Liebe Brüder und Schwestern, die ihr an dieser Jubiläumsfeier der Römischen Kurie teilnehmt, die Worte Christi an Petrus dürfen uns niemals aus dem Gedächtnis verschwinden. Unser Durchschreiten der Heiligen Pforte, um die Gnade des Großen Jubiläums zu erlangen, muß von einem tiefen Geist der Umkehr getragen sein. Dabei ist gerade die Geschichte des Petrus uns hilfreich, seine Erfahrung der menschlichen Schwäche, die ihn kurz nach dem eben erwähnten Gespräch mit Jesus dazu gebracht hat, die mit so großem Beteuern gemachten Versprechungen zu vergessen und seinen Herrn zu verleugnen. Trotz seiner Sünde und seiner Grenzen hat Christus ihn gewählt und zu einer so hohen Aufgabe berufen: das Fundament der sichtbaren Einheit der Kirche zu sein und seine Brüder im Glauben zu stärken.
Entscheidend an der Begebenheit war das, was in der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag der Passion geschah. Christus, der aus dem Haus des Hohenpriesters herausgeführt wurde, sah Petrus in die Augen. Der Apostel, der ihn soeben dreimal verleugnet hatte, begriff, von diesem Blick getroffen, auf einmal alles. Ihm kamen die Worte des Meisters wieder in den Sinn, er fühlte sein Herz durchbohrt. "Und er ging hinaus und weinte bitterlich" (Lk 22,62).
Die Tränen des Petrus mögen uns im Innersten betroffen machen und uns so zu einer wahren inneren Reinigung bewegen. "Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder" (Lk 5,8), hatte er eines Tages nach dem wunderbaren Fischfang ausgerufen. Machen wir uns diesen Ausruf des Petrus zu eigen, liebe Brüder und Schwestern, während wir unser heiliges Jubiläum feiern. Christus wird auch für uns - so hoffen wir mit demütiger Zuversicht - seine Wunder neu werden lassen: Er wird uns im Übermaß seine heilende Gnade gewähren und neue wunderbare Fischgründe erschließen, reich an Verheißungen für die Sendung der Kirche im dritten Jahrtausend.
Heilige Jungfrau, du hast die ersten Schritte der entstehenden Kirche mit dem Gebet begleitet: Wache über unseren Jubiläumsweg. Erbitte uns, daß wir wie Petrus die stete Hilfe Christi erfahren Hilf uns, unsere Sendung im Dienst des Evangeliums in Treue und Freude zu leben in der Erwartung der Wiederkunft in Herrlichkeit des Herrn Christus Jesus, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.


Ansprache des Hl. Vaters Johannes Paul II.
an die Bischöfe Litauens zu Besuch "Ad limina Apostolorum"
am 17. September
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
1. Es f reut mich, euch anläßlich dieses "Ad-limina"-Besuches wiederzusehen, der uns die Gelegenheit bietet, einen Augenblick intensiver Brüderlichkeit zu erleben, eingebunden in jenen fruchtbringenden Austausch, der für die Beziehungen zwischen den Hirten der Ortskirchen und dem Nachfolger Petri, dem Oberhirten der universalen Kirche, bezeichnend sein soll.
Mein Dank gilt Msgr. Jánis Pujats, dem Erzbischof von Riga, der eure Gefühle der Verbundenheit zum Ausdruck brachte. Durch euch entbiete ich der gesamten Gemeinschaft Litauens, welcher ich vor sechs Jahren zu meiner großen Freude persönlich begegnen durfte, meinen Gruß. Besonders wertvoll sind mir vor allem die Erinnerungen an die Feierlichkeiten im Heiligtum von Aglona, im marianischen Herzen Litauens, wo wir der Seligen Jungfrau die Tränen der Vergangenheit sowie unsere Erwartungen an die Zukunft vortrugen. Nach langen Jahren der Prüfung stellte diese Feier die erhebende Stunde des Magnifikat dar.
Denkwürdig war auch das ökumenische Klima, das meine Reise auszeichnete. Daß ich zusammen mit euch sowie mit den lutherischen und orthodoxen Brüdern beten durfte, ließ mich mit besonders intensiver Sehnsucht auf jenen Tag blicken, an welchem das gemeinsame Gebet durch die Gaben des Heiligen Geistes in die volle Gemeinschaft münden wird. Ihr, liebe Mitbrüder, seid als Oberhirten einer katholischen Gemeinschaft, die neben den anderen christlichen Brüdern eine Minderheit darstellt, dazu berufen, mit besonderem Eifer den Weg der Ökumene zu beschreiten, der nunmehr unumkehrbar als ein Kennzeichen der Jünger Christi angesehen werden kann, ganz im Einklang mit seinem hohenpriesterlichen Gebet: "Alle sollen eins sein" (Joh 17,11.21).
2. Gemeinsam mit den Brüdern der verschiedenen Konfessionen habt ihr viele Jahre hindurch unter der Härte eines Regimes gelitten, das eine irdische Stadt ohne das Licht des Glaubens errichten wollte. Noch immer lassen sich die Nachwirkungen der atheistischen Propaganda verspüren, vor allem bei jenen Generationen, die deren Einfluß in besonderer Weise ausgesetzt waren. In nicht viel glücklicherer Lage befinden sich jedoch auch die Jugendlichen, da sich mit dem Einzug der Freiheit auch jenes in weiten Teilen der Welt vorherrschende kulturelle Modell ausbreitete, bei dem sich Gleichgültigkeit und religiöser Indifferentismus nicht selten mit Verhaltensweisen verbinden, die mit dem Evangelium Christi gänzlich unvereinbar sind. Hiervon ist die Familie betroffen, die zunehmend die Werte der Einheit und der Beständigkeit verliert. Hierdurch wird selbst der Wert des Lebens beeinträchtigt, das zum Ziel zahlreicher, oft sogar legalisierter Angriffe wird.
Angesichts solch schwerer Probleme muß mit aller Kraft jener echte Humanismus als Vorschlag eingebracht werden, der auf allgemeingültigen moralischen Gesetzen gründet und durch die Botschaft des Evangeliums erhellt wird. Wie wir wissen, bedeutet dies jedoch ein "Gegen-den-Strom-Schwimmen". Wie können wir uns nun Gehör verschaffen, wie sollen wir zu den Gewissen sprechen, wenn sich alles in eine andere Richtung zu bewegen scheint? Die Kirche braucht folglich einen Schub an Enthusiasmus und Eifer, indem sie sich wie am ersten Pfingsten vom Geist erfüllen läßt.
3. Auch hinsichtlich eines solchen neuen pastoralen Aufbruches erwies sich die neue Aufgliederung der katholischen Gemeinschaft, die mit der Schaffung weiterer Diözesen einherging, von großem Nutzen. Dank dieser weiter veränderten und den Gegebenheiten des Landes besser angepaßten Strukturierung kann die Kirche Litauens bezüglich ihrer Präsenz und ihrer Handlungsmöglichkeiten wachsen. Wie das II. Vatikanische Konzil hervorhob, handelt es sich bei den Diözesen nicht lediglich um Verwaltungseinheiten, sondern um wahrhaftige Kirchen, "in denen und aus denen die eine und einzige katholische Kirche besteht" (Lumen gentium, 23).
Der Sinn der Ortskirche erschließt sich vor dem Hintergrund der Ausführungen des Konzils über das Geheimnis der Kirche, welches in der Dreifaltigkeit selbst gründet. Es handelt sich hierbei um ein Geheimnis, das, obgleich es in ganzer Fülle in der Einheit der Weltkirche zum Ausdruck kommt, auch in den einzelnen Ortskirchen verwirklicht ist, wo man sich bei der Feier der Eucharistie unter der Leitung des Bischofs zum Hören des Wortes Gottes versammelt. Somit gibt es keinen Gegensatz, sondern vielmehr eine "gegenseitige Innerlichkeit" zwischen dem universalen Aspekt jener Gemeinschaft und der je eigenen Berufung der verschiedenen Ortskirchen (vgl. Kongregation für die Glaubenslehre Communionis notio, 28. Mai 1992, Nr. 9: AAS 85 [1993] 842; DAS [1992] S. 1258).
Es handelt sich hierbei um eine Zusammenfassung des Amtes des Bischofs, der einerseits durch sein Eingebundensein in das Bischofskollegium an der universalen Dimension der Gemeinschaft und des pastoralen Dienstes teilhat. Andererseits verwirklicht er sein dreifaches ihm anvertrautes Amt als Lehrer, Verwalter der Sakramente und Vorsteher (vgl. LG, 25-27) des Volkes. Seit den Zeiten des Konzils wurde die Dimension der Kollegialität in besonderer Weise betont und durch neue Instrumente bereichert.
Von großer Bedeutung ist diesbezüglich die Bischofskonferenz, die den Kirchen eines bestimmten Gebietes dabei hilft, ihr pastorales Handeln beständig aufeinander abzustimmen. Anhand eurer eigenen, wenn auch noch jungen Bischofskonferenz könnt ihr den Nutzen dieser Einrichtung erkennen. Es soll hierbei jedoch daran erinnert werden, daß die Bischofskonferenz in keiner Weise die Amtsbefugnisse des jeweiligen Oberhirten beschneidet, der für die gesamte Pastoral seines Gebietes direkt und persönlich verantwortlich bleibt (vgl. das Apostolische Schreiben Apostolos suos über die theologische und rechtliche Natur der Bischofskonferenzen, 21. Mai 1998, Nr. 20: AAS 90 [1998]; O.R. dt., Nr. 31-32, 1998, S. 9).
4. Eure Kirche, liebe Mitbrüder, durchlebt derzeit eine Periode des Übergangs und der Veränderungen. In den langen Jahren der kommunistischen Herrschaft habt ihr die Gabe der Treue und des Martyriums kennengelernt, was ein bedeutender Same der Hoffnung für eure Zukunft bleibt. Doch ihr selbst habt mich auf einige negative Spuren aufmerksam gemacht, die jener lange Zeitraum in eurer kirchlichen Gemeinschaft hinterlassen hat. Viele Katholiken gehen nicht regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst und zu den Sakramenten. Eine nicht geringe Anzahl von Personen läßt nicht einmal die Kinder taufen oder schiebt deren Taufe auf. Unterdessen nimmt die Verbreitung der Sekten zu. Dies sind besorgniserregende Zeichen.
Daher muß die Neuevangelisierung zum vorrangigen Ziel und Gebot erhoben werden. Christus muß der lettischen Gesellschaft, und hierbei insbesondere den jungen Generationen, nahegebracht werden, damit ihn alle als den Erlöser erkennen können, der Worte des ewigen Lebens spricht (Joh 6,68) und der "die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte ist" (Gaudium et spes, 45). Umso mehr freue ich mich über die Anstrengungen, die ihr auf dem Gebiet der Entwicklung der Katechese und der Heranbildung von Katecheten mittels der Errichtung des Katechetischen Institutes von Riga und der dazugehörigen interdiözesanen Einrichtungen unternehmt. Das Ziel, das ins Auge gefaßt werden soll, ist, daß der Glaube eines jeden Getauften zu einer echten Wahl werde, die durch eine Katechese unterstützt wird, die nicht nur zur Erkenntnis der Wahrheit, sondern auch zu Erfahrungen mit den göttlichen Geheimnissen und zu einem ganzheitlichen Leben führt. Ihr, liebe Mitbrüder, seid an "allererster Stelle für die Katechese verantwortlich: ihr seid die Katecheten im wahrsten Sinne des Wortes" (Catechesi tradendae, 63). Gebt euch weiterhin Mühe, damit das Wort Christi in überreichem Maße den einzelnen, den Familien und der Gesellschaft in allen ihren Bereichen verkündet wird.
5. Die gläubige Aufnahme des Wortes Gottes führt ihrerseits dazu, die Liturgie als "Quelle und Gipfel" des kirchlichen Lebens zu erfahren (vgl. Sacrosanctum Concilium, 10). Wir müssen die liturgische Erneuerung, die vom Konzil durchgeführt wurde, als ein großes Geschenk Gottes an die Kirche unserer Zeit ansehen und unseren Gläubigen dabei helfen, ganz aus dieser Gabe heraus zu leben. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Wiederentdeckung der Feier des Sonntags als Tag des Herrn, dem ich im vergangenen Jahr das Apostolische Schreiben Dies Domini gewidmet habe.
Die traditionelle Praxis des Sonntagsgebotes muß mit vollem Einsatz gefördert werden, wobei in der Seelsorge all jenen Schwierigkeiten verständnisvoll begegnet werde, mit denen die Gläubigen eines bestimmten Gebietes nicht selten konfrontiert werden. Es ist vor allem vonnöten, das Geheimnis dieses Tages begreiflich zu machen, in dem ja das christliche Geheimnis selbst enthalten ist. Der Sonntag ist nämlich jene wöchentliche Wiederkehr des Tages der Auferstehung Christi, der Tag, an dem die gesamte, von ihm erlöste Schöpfung in geheimnisvoller Weise zu einem neuen Leben "wiedergeboren" wird in treuer Erwartung seiner glorreichen Wiederkunft am Ende der Zeiten. Somit ist also der Sonntag der Tag des Glaubens schlechthin: ein unverzichtbarer Tag! (vgl. DD, 29-30).
6. Zugleich handelt es sich beim Sonntag in besonderer Weise um den "dies Ecclesiae", den Tag der Kirche. Es ist daher unerläßlich, daß die sonntägliche Eucharistiefeier so vorgenommen wird, daß sie den Sinngehalt der Kirche voll zum Ausdruck bringt. Am "Tisch des Wortes" ruft Gott sein Volk zu einem beständigen Liebesdialog an. Beim eucharistischen Mahl formt Gott dieses Volk zu seinem "Leib" und zu seiner "Braut", indem er zum Brot des Lebens und zum Band der Einheit wird. Die sonntägliche Eucharistiefeier ist fürwahr ein privilegierter Augenblick, weil die Gläubigen dort ihr "Kirche-Sein" verspüren und weil sie hierdurch in der Gemeinschaft wachsen können.
Ihrem ureigensten Wesen nach bringen somit das Hören des Wortes Gottes und der Empfang des Leibes Christi die Gläubigen dazu, sich zu "Glaubensverkündern und Zeugen" zu machen (DD, 45). Von der Messe hin zur Mission: dies ist der natürliche Weg einer jeden christlichen Gemeinschaft, der besonders im derzeitigen geschichtlichen Abschnitt vonnöten ist, in dem sich die Kirche Litauens vor die große Herausforderung der Neuevangelisierung gestellt sieht.
7. All dies kann lediglich in dem Maße geschehen, in dem sich der jeweilige Getaufte seiner Berufung bewußt wird. Diesbezüglich ist die Förderung der Laien von entscheidender Bedeutung. Bestimmte Auffassungen bezüglich des Wesens der christlichen Gemeinschaft führten nicht selten dazu, den Laien eine passive Haltung zuzuweisen. In eurem Land kann zudem die schmerzvolle Erinnerung an das vorherige Regime, das zahlreiche Mitarbeiter für antikirchliche Schikanen benutzte, das Vertrauen in eine weitergehende Übertragung von Verantwortung auf die Laien mindern. Dennoch müssen wir voller Vertrauen auf die Zukunft blicken. Gemäß der vom Konzil vorgezeichneten Richtlinien sind die Laien, obgleich sie die Priester nie ersetzen können, zu einem wahren und echten Apostolat berufen, das unter den heutigen Bedingungen "noch intensiver werden und sich noch stärker ausweiten muß" (Apostolicam actuositatem, 1).
Zu diesem Bewußtsein können die Laien auch mit Hilfe von durch die Kirche anerkannten Vereinigungen und kirchlichen Bewegungen gelangen, vorausgesetzt, daß sie in vollem Einklang mit den Bischöfen und gemäß der Pastoral der Diözese wirken. Über diese sozusagen "interne" Pflicht hinaus kommt die Berufung der Laien vor allem auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen Kirche und Welt zum Ausdruck. "Die Laien sind eigentlich, wenn auch nicht ausschließlich, zuständig für die weltlichen Aufgaben und Tätigkeiten" (GS, 43). Es ist besonders dem täglichen Zeugnis der Laien zu verdanken, daß das Evangelium zum Hefeteig aller Aspekte des Lebens werden kann: von der Familie bis hin zur Kultur, von der Kunst über die Wirtschaft bis hin zum politischen Engagement. "Ein Christ, der seine irdischen Pflichten vernachlässigt, versäumt damit seine Pflichten gegenüber dem nächsten, ja gegen Gott selbst" (ebd., 43).
8. Liebe Mitbrüder, es liegt auf der Hand, daß das Geheimnis einer Erneuerung und eines Aufschwungs in der Kirche Litauens zu einem entscheidenden Teil bei jenen Personen liegt, die sich durch eine besondere Berufung der Sache des Reiches Christi gewidmet haben. Ich denke an die Ordensmänner und -frauen, von denen ich mir eine immer qualifiziertere und lebendigere Präsenz in euren Gemeinden erwarte.
Meine Gedanken richten sich vor allem auf den priesterlichen Dienst. In euren Gemeinden läßt sich feststellen, daß ein zahlenmäßiges Anwachsen der Priester dringend nötig wäre, um den Bedarf der verschiedenen Pfarreien decken zu können. Dieser Bedarf kann gewiß durch die Mitarbeit der Laien wie auch durch die Förderung des ständigen Diakonats abgeschwächt werden. Dennoch bleibt der Priester unersetzbar. Ihm obliegt nämlich die Aufgabe, bei der Verwaltung der Sakramente "in persona Christi" zu handeln; er hat in getreuer Zusammenarbeit mit dem Bischof das Amt der Verkündigung des Wortes Gottes und des Gemeindevorstehers auszuführen. Das Volk Gottes hat ein Recht auf seinen Dienst als Hirte und Vater.
Hierin liegt - gestützt auf das Gebet an den "Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt 9, 38) - die dringende Notwendigkeit einer Pastoral der Berufungen begründet, die es sich zur Aufgabe macht, die Familien und die gesamte christliche Gemeinschaft so zu sensibilisieren, daß Heranwachsende und Jugendliche dabei eine Hilfe erfahren, sich für eine etwaige Berufung durch Gott bereitzuhalten. Wir wissen genau, von welch großer Bedeutung die Ausbildung ist, die all jenen zugesichert werden muß, die sich darauf vorbereiten, in der Gemeinde eine solch bedeutende Aufgabe zu übernehmen. In der Tat wird eine solide theologische und kirchliche Ausbildung verlangt, die auf das menschliche und emotionale Gleichgewicht bedacht ist, die in einer tiefen Spiritualität verwurzelt ist und sich durch eine herzliche Offenheit auszeichnet, welche jedoch gegenüber der Wirklichkeit der Welt, in der wir leben, wachsam bleibt. In der Ausbildung eurer Priester liegt ein gutes Stück der Zukunft der Kirche Litauens begründet.
9. Danke, liebe Mitbrüder, für die Freude, die ihr mir durch eure Anwesenheit gemacht habt. Ich möchte euch gegenüber noch einmal meine volle Wertschätzung zum Ausdruck bringen für all das, was ihr für das Volk Gottes tut und künftig noch tun werdet trotz der zahlreichen Schwierigkeiten, mit denen ihr euch konfrontiert wißt. Vergessen wir in den unvermeidbaren Stunden der Dunkelheit niemals, daß wir nicht allein sind: unsere Anstrengungen werden von der Gnade getragen, der wir uns voll überantworten wollen.
Habt also Mut: "Caritas Christi urget nos" (2 Kor 5,14). Laßt uns, wie der Apostel, mit der Kraft jener Liebe voranschreiten, die uns umgibt und begleitet. Hierbei diene uns auch der Blick auf das bevorstehende Große Jubiläum als Ansporn, welches uns alle anruft, einen besonderen Schritt hin zur Bekehrung zu unternehmen.
Ich rufe die himmlische Mutter an, sie möge euch für euer apostolisches Wirken Kraft, Ausdauer und reiche Früchte schenken, und erteile euch und den euch anvertrauten Gläubigen von Herzen meinen Apostolischen Segen.
SCHREIBEN DES HEILIGEN VATERS
JOHANNES PAUL II.
AN DIE PRIESTER
ZUM GRÜNDONNERSTAG 2000
Liebe Brüder im Priesteramt!
1. Da Jesus "die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13, 1). Tief bewegt lese ich hier in Jerusalem noch einmal die Worte, mit denen der Evangelist Johannes den Bericht vom Letzten Abendmahl einleitet. Ich tue es an dem Ort, wo der Überlieferung nach Jesus und die Zwölf einkehrten, um das Paschamahl und die Einsetzung der Eucharistie zu feiern.
Ich lobe den Herrn, der es mir im Jubiläumsjahr der Menschwerdung seines Sohnes gewährt hat, mich auf die irdischen Spuren Christi zu begeben und den Wegen zu folgen, die er zwischen seiner Geburt in Betlehem und seinem Tod auf Golgota zurückgelegt hat. Gestern verweilte ich in der Geburtsgrotte in Betlehem. In den nächsten Tagen werde ich mich an verschiedene Orte des Lebens und Wirkens des Erlösers begeben: angefangen vom Haus der Verkündigung über den Berg der Seligpreisungen bis zum Ölberg. Am Sonntag schließlich werde ich auf Golgota und am Heiligen Grab sein.
Der heutige Besuch im Abendmahlssaal bietet mir die Gelegenheit, einen umfassenden Blick auf das Geheimnis der Erlösung zu werfen. Hier, an dieser Stelle, hat er uns mit der unermeßlichen Gabe der Eucharistie beschenkt. Hier ist auch die Wiege unseres Priestertums.
Ein Brief aus dem Abendmahlssaal
2. So möchte ich gerade von diesem Ort aus mein Schreiben an euch richten, mit dem ich mich seit über zwanzig Jahren am Gründonnerstag, dem Tag der Eucharistie und schlechthin "unserem" Tag, an euch wende.
Ja, ich schreibe euch aus dem Abendmahlssaal. Dabei wird in mir noch einmal all das lebendig, was sich in diesen Mauern an jenem vom Geheimnis durchwalteten Abend ereignet hat. Vor meinem geistigen Auge kommt Jesus in den Blick, es erscheinen die Apostel, die mit ihm zu Tisch saßen. Ich verweile besonders bei Petrus und meine ihn zu sehen: wie er zusammen mit den anderen Jüngern voller Staunen die Gesten des Herrn beobachtet und tief bewegt seine Worte hört; wie er, freilich mit der Last seiner Schwäche, sich dem Geheimnis öffnet, das sich da ankündigt und sich in Kürze erfüllen soll. In diesen Stunden vollzieht sich der große Kampf zwischen der Liebe, die sich vorbehaltlos hingibt, und dem mysterium iniquitatis, das sich in seine Feindseligkeit verschließt. Der Verrat des Judas nimmt sich aus wie eine Art Emblem der Sünde der Menschheit. "Es war Nacht", bemerkt der Evangelist Johannes (13, 30): die Stunde der Finsternis, die Stunde der Trennung und unendlicher Trauer. Doch in den betrübten Worten Christi schimmert bereits das Licht der Morgenröte durch: "Ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude" (Joh 16, 22).
3. Über das Geheimnis jener Nacht müssen wir immer wieder neu nachdenken und häufig im Geiste in diesen Abendmahlssaal zurückkehren. Dort dürfen besonders wir Priester uns in gewissem Sinn "zu Hause" fühlen. Was der Psalmist von den Völkern in bezug auf Jerusalem ausspricht, könnte man von uns im Hinblick auf den Abendmahlssaal sagen: "Der Herr schreibt, wenn er die Völker verzeichnet: Er ist dort geboren" (Ps 87, 6).
Von diesem heiligen Raum aus denke ich spontan an euch, die ihr in den verschiedensten Teilen der Welt lebt, mit euren tausend Gesichtern, jüngeren und fortgeschritteneren Alters, in euren unterschiedlichen Gemütsverfassungen: Aus vielen spricht, Gott sei Dank, Freude und Begeisterung, bei anderen überwiegen vielleicht Schmerz oder Müdigkeit oder auch Unsicherheit. In allen verehre ich jenes Bild von Christus, das ihr mit der Priesterweihe empfangen habt, jenen "Charakter", der jeden von euch unauslöschlich kennzeichnet. Es ist das Zeichen der Liebe, die den "Lieblingskindern" gilt. Diese Liebe gilt jedem Priester. Auf sie kann er immer zählen, wenn es darum geht, voll Freude voranzugehen oder mit Begeisterung einen Neuanfang zu wagen, damit die Treue immer größer werde.
Aus der Liebe geboren
4. "Da Jesus die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung". Im Unterschied zu den anderen Evangelien hält sich das Johannes-Evangelium bekanntlich nicht bei der Erzählung von der Einsetzung der Eucharistie auf, die Jesus bereits in seiner ausführlichen Rede in Kafarnaum angesprochen hatte (vgl. Joh 6, 26-65). Statt dessen verweilt es bei der Fußwaschung. Diese Initiative Jesu, die bei Petrus Befremden auslöst, will weniger ein Beispiel von Demut sein, das uns zur Nachahmung empfohlen würde, als vielmehr die Radikalität offenbaren, mit der Gott uns entgegenkommt. Denn in Christus hat Gott "sich entäußert" und "Knechtsgestalt angenommen" bis zur äußersten Erniedrigung am Kreuz (vgl. Phil 2, 7), um der Menschheit den Zugang zum Innersten des göttlichen Lebens zu eröffnen: Die großen Reden, die im Johannes-Evangelium auf die Geste der Fußwaschung folgen und sie gleichsam kommentieren, stellen eine Art Einführung in das Geheimnis der dreifaltigen Gemeinschaft dar, zu der uns der Vater beruft, indem er uns in Christus aufnimmt durch die Gabe des Heiligen Geistes.
Diese Gemeinschaft soll nach der Logik des neuen Gebotes gelebt werden: "Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben" (Joh 13, 34). Nicht durch Zufall liegt die Krönung dieser "Mystagogie" im Hohepriesterlichen Gebet, das Christus in seiner Einheit mit dem Vater zeigt. Christus war bereit, durch seine Selbsthingabe zum Vater zurückzukehren, und hegte für seine Jünger nur einen einzigen Wunsch: die Teilhabe an seiner Einheit mit dem Vater: "Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein" (Joh 17, 21).
5. Aus jener kleinen Gruppe von Jüngern, die diese Worte hörten, hat sich die ganze Kirche herausgebildet, die sich zeitlich und räumlich ausbreitete als "ein Volk, das von der Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zusammengeführt wird" (Hl. Cyprian, De Orat. Dom., 23). Die tiefe Einheit dieses Volkes schließt nicht aus, daß es darin untereinander verschiedene und einander ergänzende Aufgaben gibt. So stehen diejenigen mit den ersten Aposteln in einer besonderen Verbindung, die dazu bestellt wurden, in persona Christi die Handlung zu erneuern, die Jesus beim Letzten Abendmahl mit der Einsetzung des eucharistischen Opfers als "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" (Lumen gentium, 11) vollzogen hat. Der sakramentale Charakter, der sie kraft der empfangenen Weihe auszeichnet, sorgt dafür, daß ihr Dasein und ihr Dienst einzigartig, notwendig und unersetzlich sind.
Seit jenem Augenblick sind fast zweitausend Jahre vergangen. Wie viele Priester haben diese Handlung wiederholt! Oft waren es vorbildliche Jünger, Märtyrer, Heilige. Wie könnten wir in diesem Jubiläumsjahr die vielen Priester vergessen, die mit ihrem Leben Christus bis zum blutigen Ende bezeugt haben? Ihr Martyrium begleitet die ganze Kirchengeschichte. Es durchzieht auch das Jahrhundert, das wir soeben hinter uns gelassen haben und das von verschiedenen diktatorischen und kirchenfeindlichen Regimen gekennzeichnet war. Vom Abendmahlssaal aus möchte ich dem Herrn Dank sagen für den Mut dieser Priester. Blicken wir auf sie, um von ihnen zu lernen und dem Beispiel des guten Hirten zu folgen, "der sein Leben hingibt für die Schafe" (Joh 10, 11).
Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen
6. Es stimmt: Wie in der Geschichte des ganzen Gottesvolkes, so hat auch in der Geschichte des Priestertums die dunkle Existenz der Sünde ihren Platz. Wie oft hat die menschliche Gebrochenheit der Amtsträger in ihnen das vom Licht durchglänzte Antlitz Christi verdunkelt! Doch wie sollte man sich gerade hier im Abendmahlssaal darüber wundern? Hier ereignete sich nicht nur der Verrat des Judas, sondern selbst Petrus mußte mit seiner Schwachheit rechnen, als er die bittere Voraussage der Verleugnung vernahm. Als Jesus Christus Männer wie die Zwölf auswählte, hat er sich gewiß keine falschen Hoffnungen gemacht: Es war diese menschliche Schwachheit, der er das sakramentale Siegel seiner Gegenwart einprägte. Den Grund dafür nennt uns Paulus: "Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, daß das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt" (2 Kor 4, 7).
Deshalb hat das Volk Gottes trotz aller Schwächen seiner Priester nicht aufgehört, an die Kraft Christi zu glauben, die durch ihren Dienst wirksam wird. Muß man in diesem Zusammenhang nicht an das herrliche Zeugnis des Poverello aus Assisi denken? Er, der aus Demut nicht Priester werden wollte, hinterließ in seinem Testament die Darstellung seines Glaubens an das Mysterium des in den Priestern gegenwärtigen Christus: Er tat es dadurch, daß er sich bereit erklärte, selbst dann die Priester als seinen Bezugspunkt zu wählen, wenn sie ihn verfolgt hätten, ohne ihnen ihre Sünde anzurechnen. "Ich tue das - so erklärte er -, weil ich vom allerhöchsten Sohn Gottes leibhaftig in dieser Welt nichts anderes sehe außer seinen heiligsten Leib und sein heiligstes Blut, die sie allein konsekrieren und sie allein den anderen spenden" (Fonti Francescane, Nr. 113).
7. Von diesem Ort aus, an dem Christus die heiligen Worte zur Einsetzung der Eucharistie gesprochen hat, lade ich euch, liebe Priester, ein, das "Geschenk" und das "Geheimnis", das wir empfangen haben, wiederzuentdecken. Um es an der Wurzel zu erfassen, müssen wir über das Priestertum Christi nachdenken. An ihm hat gewiß das ganze Volk Gottes kraft der Taufe teil. Doch das Zweite Vatikanische Konzil erinnert uns auch daran, daß es außer dieser Art der Teilhabe, die allen Getauften gemeinsam ist, noch eine andere und besondere Weise gibt: das Amtspriestertum, das sich dem Wesen nach vom Priestertum aller Gläubigen unterscheidet, auch wenn es ganz eng auf dieses hingeordnet ist (vgl. Lumen gentium, 10).
Dem Priestertum Christi nähern wir uns in einer besonderen Sichtweise im Rahmen des Jubiläums der Menschwerdung an. Dieses lädt uns ein, uns in Christus in den engen Zusammenhang zu versenken, der zwischen seinem Priestertum und dem Geheimnis seiner Person besteht. Das Priestertum Christi ist nichts "Zufälliges"; es ist keine Aufgabe, die er genauso gut hätte ausschlagen können. Das Priestertum gehört vielmehr zu seiner Identität als menschgewordener Gottessohn, es gehört zum Gottmenschen. Alles, was sich in den Beziehungen zwischen der Menschheit und Gott abspielt, läuft nunmehr über Christus: "Niemand kommt zum Vater außer durch mich" (Joh 14, 6). Darum ist Christus der Hohepriester eines ewigen und allumfassenden Priestertums, wofür der erste Bund vorbereitendes Sinnbild war (vgl. Hebr 9, 9). Er übt es in Fülle aus, seitdem er sich als Hoherpriester "zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat" (Hebr 8, 1). Seitdem hat sich der Stellenwert des Priestertums in der Menschheit geändert: Es gibt nur mehr ein einziges Priestertum, nämlich das Priestertum Jesu Christi, an dem man in unterschiedlicher Weise teilhaben und mitwirken kann.
Sacerdos et Hostia
8. Gleichzeitig wurde auch der Sinn des Opfers, die Opferhandlung schlechthin, zur Vollendung gebracht. Christus hat auf Golgota sein eigenes Leben zu einer Opfergabe von ewigem Wert gemacht: zu einem "Erlösungsopfer", das für immer den von der Sünde unterbrochenen Weg der Gemeinschaft mit Gott wieder eröffnet hat.
Licht in dieses Geheimnis bringt der Hebräerbrief, indem er Christus einige Verse aus dem 40. Psalm sprechen läßt: "Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen... Ja, ich komme..., um deinen Willen, Gott, zu tun" (Hebr 10, 5-7; vgl. Ps 40, 7-9). Nach dem Verfasser des Briefes wurden diese prophetischen Worte von Christus bei seinem Eintritt in die Welt gesprochen. Sie bringen sein Geheimnis und seine Sendung zum Ausdruck. Ihre Verwirklichung beginnt also schon im Augenblick der Menschwerdung, auch wenn diese ihren Höhepunkt im Opfer von Golgota erreicht. Seitdem ist jede Opferhandlung des Priesters nur die erneute Darstellung des einzigen, ein für allemal erbrachten Opfers Christi an den Vater.
Sacerdos et Hostia! Priester und Opfer. Dieser Gesichtspunkt des Opfers macht zutiefst die Eucharistie aus. Zugleich ist er die grundlegende Dimension des Priestertums Christi und infolgedessen auch unseres Priestertums. Lesen wir in diesem Licht die Worte, die wir täglich sprechen und die zum ersten Mal hier im Abendmahlssaal erklungen sind: "Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird... Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden".
Das sind die Worte, die von den Evangelisten und von Paulus in Fassungen bezeugt werden, die in ihrem Kern übereinstimmen. An diesem Ort wurden sie am späten Abend des Gründonnerstags von Christus ausgesprochen. Indem er den Aposteln seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken gab, brachte er die tiefe Wahrheit der Handlung zum Ausdruck, die er kurz danach auf Golgota vollbringen sollte. Denn im eucharistischen Brot ist derselbe Leib, der von Maria geboren wurde und am Kreuz hingeopfert wurde:
Ave verum Corpus natum de Maria Virgine,
vere passum, immolatum in cruce pro homine!
9. Muß man nicht immer wieder zu diesem Geheimnis zurückkehren, in dem das ganze Leben der Kirche eingeschlossen ist? Dieses Sakrament hat zweitausend Jahre lang unzählige Gläubige gespeist. Aus ihm ist ein Gnadenstrom entsprungen. Wie viele Heilige haben in ihm nicht nur das Unterpfand, sondern gleichsam die Vorwegnahme des Paradieses gefunden!
Lassen wir uns mitreißen von der betrachtenden Bewegung, die so reich ist an Poesie und Theologie! Aus ihr hat der hl. Thomas von Aquin im Pange lingua das Mysterium besungen. Das Echo jener Worte erreicht mich heute hier im Abendmahlssaal. Es klingt wie die Stimme der vielen, über die Welt verstreuten christlichen Gemeinden, der vielen Priester, Ordensleute und einfachen Gläubigen, die jeden Tag innehalten, um das eucharistische Geheimnis anzubeten:
Verbum caro, panem verum verbo carnem efficit
fitque sanguis Christi merum, et, si sensus deficit,
ad firmandum cor sincerum sola fides sufficit.
Tut dies zu meinem Gedächtnis
10. Das Geheimnis der Eucharistie, in dem der Tod und die Auferstehung Christi in Erwartung seiner Wiederkunft verkündet und gefeiert werden, ist das Herz des kirchlichen Lebens. Für uns hat es zudem eine ganz besondere Bedeutung: Denn es steht im Mittelpunkt unseres Amtes. Sicher beschränkt sich dieses nicht auf die Eucharistiefeier, umfaßt es doch einen Dienst, der von der Verkündigung des Wortes über die Heiligung der Menschen durch die Sakramente bis zur Leitung des Gottesvolkes in Gemeinschaft und Dienst reicht. Aber die Eucharistie ist der Punkt, von dem strahlenförmig alles ausgeht und auf den alles zustrebt. Zusammen mit der Eucharistie ist im Abendmahlssaal auch unser Priestertum entstanden.
"Tut dies zu meinem Gedächtnis" (Lk 22, 19): Die Worte Christi wurden, auch wenn sie an die ganze Kirche gerichtet sind, denjenigen als eine besondere Aufgabe anvertraut, die den Dienst der ersten Apostel weiterführen sollen. Ihnen trägt Jesus die soeben vollzogene Handlung auf, das Brot in seinen Leib und den Wein in sein Blut zu verwandeln. Es ist die Handlung, in der Christus sich als Priester und Opfer zum Ausdruck bringt. Er will, daß von nun an dieses sein Tun durch die Hände der Priester in sakramentaler Weise auch zum Tun der Kirche wird. Wenn er sagt "tut dies", weist er nicht nur auf die Handlung hin, sondern auch auf das zum Handeln aufgerufene Subjekt. So setzt er das Amtspriestertum ein, das auf diese Weise zu einem der grundlegenden Elemente der Kirche wird.
11. Diese Handlung soll man "zu seinem Gedächtnis" begehen: Das ist ein wichtiger Hinweis. Die von den Priestern gefeierte eucharistische Handlung soll in jeder christlichen Generation, an jedem Ort der Erde das von Christus vollbrachte Werk gegenwärtig machen. Überall dort, wo man Eucharistie feiert, wird auf unblutige Weise das blutige Opfer von Golgota gegenwärtig gemacht. Christus, der Erlöser der Welt, wird selbst gegenwärtig sein.
"Tut dies zu meinem Gedächtnis". Wenn man diese Worte hier zwischen den Mauern des Abendmahlssaales neu hört, ist man versucht, sich die Gefühle Christi vorzustellen. Es waren die dramatischen Stunden, die seinem Leiden und Sterben vorausgingen. Der Evangelist Johannes läßt die betrübten Töne in der Rede des Meisters anklingen, der die Apostel auf seinen Abschied vorbereitet. Welch tiefe Trauer sieht er in ihren Augen: "Vielmehr ist euer Herz von Trauer erfüllt, weil ich euch das gesagt habe" (Joh 16, 6). Aber Jesus macht sie wieder froh: "Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch" (Joh 14, 18). Wenngleich ihn das Ostermysterium ihren Blicken entzieht, wird er mehr denn je in ihrem Leben gegenwärtig sein. Das gilt für "alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28, 20).
Eine Gedächtnisfeier, die Gegenwart schafft
12. Christi Gegenwart wird sich in vielen Formen äußern. Aber die erhabenste wird sicher die Eucharistie sein: Sie ist nicht bloße Erinnerung, sondern eine Gedächtnisfeier, die Gegenwart schafft; kein symbolischer Hinweis auf die Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart des Herrn inmitten der Seinen. Garant dafür wird stets der Heilige Geist sein. Ständig wird er bei der Eucharistiefeier ausgegossen, damit das Brot und der Wein zum Leib und Blut Christi werden. Es ist derselbe Geist, der am Abend des Ostertages in diesem Abendmahlssaal die Apostel "angehaucht" hat (vgl. Joh 20, 22) und der sie später am Pfingsttag mit Maria hier versammelt fand. Damals kam er als heftiger Sturm und Feuer über sie (vgl. Apg 2, 1-4) und spornte sie an, in alle Himmelsrichtungen hinausgehen, um das Wort zu verkünden und das Volk Gottes zu sammeln im "Brechen des Brotes" (vgl. Apg 2, 42).
13. Zweitausend Jahre nach der Geburt Christi müssen wir in diesem Jubiläumsjahr in besonderer Weise an die Wahrheit dessen erinnern und darüber nachdenken, was wir seine "eucharistische Geburt" nennen könnten. Gerade der Abendmahlssaal ist der Ort dieser "Geburt". Hier hat für die Welt eine neue Gegenwart Christi begonnen, eine Gegenwart, die ununterbrochen überall dort entsteht, wo man Eucharistie feiert und ein Priester seine Stimme Christus leiht, indem er die heiligen Einsetzungsworte spricht.
Diese eucharistische Gegenwart hat die zweitausendjährige Geschichte der Kirche durchzogen und wird sie bis an deren Ende begleiten. So eng mit diesem Geheimnis verbunden zu sein, ist für uns eine Freude und Quelle der Verantwortung zugleich. Dessen wollen wir uns heute mit dem von Staunen und Dankbarkeit erfüllten Herzen bewußt werden. Mit diesen Gefühlen laßt uns eintreten in das österliche Triduum, in dem wir das Leiden, Sterben und die Auferstehung Christi feiern.
Das Vermächtnis des Abendmahlssaales
14. Meine lieben Brüder im Priesteramt! Wenn ihr euch am Gründonnerstag in den Kathedralen um eure Bischöfe versammelt, wie die Priester der Kirche von Rom sich um den Nachfolger Petri scharen, dann empfangt diese Gedanken, die ich in der eindrucksvollen Atmosphäre des Abendmahlssaales betrachtet habe! Es ließe sich wohl kaum ein Ort finden, der besser an das eucharistische Geheimnis und zugleich an das Geheimnis unseres Priestertums zu erinnern vermag. Bleiben wir dem "Vermächtnis" des Abendmahlssaales treu.
Es ist das große Geschenk des Gründonnerstags. Feiern wir stets mit Hingabe und Eifer die heilige Eucharistie. Verweilen wir häufig und lange in Anbetung vor dem eucharistischen Christus. Laßt uns gleichsam "in die Schule" der Eucharistie gehen. In ihr haben im Laufe der Jahrhunderte so viele Priester den von Jesus beim Letzten Abendmahl verheißenen Trost gefunden, den geheimen Schlüssel, um einen Ausweg aus der Einsamkeit zu finden, den Halt, um ihre Leiden zu ertragen, die Nahrung, um nach jeder Entmutigung wieder neu aufzubrechen, die innere Kraft, um ihre Entscheidung zur Treue zu bestärken. Das Zeugnis, das wir dem Volk Gottes in der eucharistischen Feier werden geben können, hängt sehr von unserem persönlichen Verhältnis zur Eucharistie ab.
15. Entdecken wir im Lichte der Eucharistie unser Priestertum neu! Lassen wir unsere Gemeinden diesen Schatz wiederentdecken bei der täglichen Feier der heiligen Messe und besonders bei der festlichen Versammlung zum Sonntagsgottesdienst. Möge dank eurer apostolischen Arbeit die Liebe zu dem in der Eucharistie gegenwärtigen Christus wachsen. Das ist eine Aufgabe, der in diesem Jubiläumsjahr eine besondere Bedeutung zukommt. Ich denke an den Internationalen Eucharistischen Kongreß, der unter dem Thema Jesus Christus einziger Retter der Welt, Brot für unser Leben vom 18. bis 25. Juni in Rom stattfinden wird: ein zentrales Ereignis des Großen Jubiläums, das ein "intensiv eucharistisches Jahr" (Tertio millennio adveniente, 55) sein soll. Der erwähnte Kongreß wird genau diesen engen Zusammenhang herausstellen zwischen dem Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes und der Eucharistie, dem Sakrament der Realpräsenz Christi.
Ich sende euch aus dem Abendmahlssaal den eucharistischen Friedensgruß. Das Bild Jesu Christi, der beim Letzten Abendmahl von den Seinen umgeben war, lasse das Herz eines jeden von uns für Brüderlichkeit und Gemeinschaft schlagen. Große Maler haben sich darin versucht, das Antlitz Christi zwischen seinen Aposteln in der Szene vom Letzten Abendmahl zu zeichnen. Wie könnte man hier das Hauptwerk Leonardos vergessen? Aber nur die Heiligen vermögen mit der Intensität ihrer Liebe in die Tiefe dieses Geheimnisses vorzudringen, indem sie gleichsam wie Johannes ihr Haupt an die Brust des Herrn lehnen (vgl. Joh 13, 25). Hier befinden wir uns in der Tat auf dem Gipfel der Liebe: "Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung".
16. Ich möchte diese Betrachtung, die ich euch voll Liebe ans Herz lege, mit den Worten eines alten Gebetes schließen:
"Wir danken dir, unser Vater,
für das Leben und die Erkenntnis,
die du uns offenbar gemacht hast durch Jesus,
deinen Knecht.
Dir sei Herrlichkeit in Ewigkeit.
Wie dieses gebrochene Brot
zerstreut war auf den Bergen
und zusammengebracht eines geworden ist,
so soll zusammengeführt werden deine Kirche
von den Enden der Erde in dein Reich [...]
Du, allmächtiger Herrscher,
hast das All geschaffen
um deines Namens willen,
Speise und Trank hast
du den Menschen gegeben
zum Genuß, damit sie dir danken.
Uns aber hast du geistliche Speise und Trank
und ewiges Leben
durch deinen Sohn geschenkt [...]
Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit!"
(Didaché 9, 3-4; 10, 3-4).
Aus dem Abendmahlssaal umarme ich im Geiste euch alle, geliebte Brüder im Priesteramt, und segne euch aus ganzem Herzen.

Jerusalem, am 23. März 2000.
APOSTOLISCHES SCHREIBEN
TERTIO MILLENNIO ADVENIENTE
VON PAPST
JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, PRIESTER UND GLÄUBIGEN
ZUR VORBEREITUNG
AUF DAS JUBELJAHR 2000

10. Im Christentum kommt der Zeit eine fundamentale Bedeutung zu. Innerhalb ihrer Dimension wird die Welt erschaffen, in ihrem Umfeld entfaltet sich die Heilsgeschichte, die ihren Höhepunkt in der "Fülle der Zeit" der Menschwerdung und ihr Ziel in der glorreichen Wiederkunft des Gottessohnes am Ende der Zeiten hat. In Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort, wird die Zeit zu einer Dimension Gottes, der in sich ewig ist. Mit dem Kommen Christi beginnt die "Endzeit" (vgl. Hebr 1, 2), die "letzte Stunde" (vgl. 1 Joh 2,18), beginnt die Zeit der Kirche, die bis zu seiner Wiederkunft dauern wird.


APOSTOLISCHES SCHREIBEN
VON PAPST JOHANNES PAUL II.
ZUR 1700-JAHRFEIER DER TAUFE
DES ARMENISCHEN VOLKES
8. Ein besonderes Wort möchte ich nun an all diejenigen richten, die sich dafür einsetzen, daß Armenien nach so vielen leidvollen Jahren des totalitären Regimes wiederersteht. Das Volk erwartet sich konkrete Zeichen der Hoffnung und Solidarität. Ich bin sicher, daß die dankbare Erinnerung an die eigenen christlichen Ursprünge für jeden Armenier ein Grund des Trostes und des Ansporns ist. Ich vertraue darauf, liebe treue Armenier, daß das lebendige Gedächtnis der von Gott für Euch vollbrachten Wunder Euch hilft, die volle Würde des Menschen, jedes Menschen in jeder Lage, wiederzufinden, und Euch anspornt, dem Wiederaufbau des Landes eine geistliche und moralische Grundlage zu geben.
Ich verleihe meiner Hoffnung Ausdruck, daß die Gläubigen ihren Einsatz und ihre schon bemerkenswerten Anstrengungen mutig vorantreiben, damit das Armenien von morgen wiedererwacht entsprechend den menschlichen und christlichen Werten der Gerechtigkeit, der Solidarität, der Gleichheit, der Achtung, der Rechtschaffenheit und der Gastfreundschaft, die die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens bilden. Wenn dies geschieht, dann hat die Jubiläumsfeier des armenischen Volkes in Fülle Frucht getragen. Ich bin sicher, daß die 1700. Wiederkehr der Taufe Eurer geliebten Nation ein bedeutsamer und einzigartiger Anlaß ist, um auf dem Weg des ökumenischen Dialogs weiterzugehen. Die bisherigen herzlichen Beziehungen zwischen der armenischen apostolischen Kirche und der katholischen Kirche haben in den letzten Jahrzehnten auch durch die Begegnungen zwischen dem Papst und den höchsten Kirchenführern einen entscheidenden Impuls erhalten. Wie könnte man in diesem Zusammenhang die denkwürdigen Besuche beim Bischof und bei der christlichen Gemeinschaft von Rom vergessen, die Seine Heiligkeit Vasken I. im Jahr 1970, der unvergeßliche Karekin I. in den Jahren 1996 und 1999 und Karekin II. vor kurzem abgestattet haben? Auch die Übergabe der Reliquie des Vaters des christlichen Armeniens, die ich bei Seiner Heiligkeit Karekin II. in Anwesenheit des armenisch-katholischen Patriarchen zu meiner Freude selbst als Geschenk für die neue Kathedrale in Eriwan vornehmen konnte, bekräftigt erneut das tiefe Band, das die Kirche von Rom mit allen Söhnen und Töchtern des hl. Gregorios des Erleuchters vereint.
Es ist ein Weg, der mit Zuversicht und Mut weiterzugehen ist, damit wir alle immer dem Gebot Christi treu bleiben: "ut nunum sint!" In dieser Perspektive soll die armenisch-katholische Kirche durch "ihre Gebete, das Beispiel ihres Lebens, die ehrfürchtige Treue gegenüber den alten ostkirchlichen Überlieferungen, eine bessere gegenseitige Kenntnis und Zusammenarbeit sowie brüderliche Wertschätzung des äußeren und inneren Lebens der anderen" einen entscheidenden Beitrag leisten8.
Mit den Armeniern und für die Armenier werde ich in wenigen Tagen einer Eucharistiefeier vorstehen, um Gott zu loben und für das Geschenk des von ihnen empfangen Glaubens zu danken, und ich werde darum bitten, daß der Herr "alle Völker zur Einheit in seiner heiligen Kirche zusammenrufe, die auf dem Fundament der Apostel und der Propheten entstanden ist, und sie unbefleckt bewahre bis zum Tag seiner Wiederkunft"9. Bei dieser Feier werden an dem einen Tisch des Brotes des Lebens die Brüder und Schwestern stehen, die schon in voller Gemeinschaft mit dem Stuhl Petri leben und auf diese Weise die katholische Kirche mit ihrem unersetzlichen eigenen Beitrag bereichern. Aber es ist meine lebhafte Hoffnung, daß die heilige Danksagung geistig alle Armenier umfängt, wo immer sie sein mögen, um einstimmig den Dank eines jeden an Gott für das Geschenk des Glaubens im heiligen Friedenskuß zum Ausdruck zu bringen.


Christus, Quelle einer neuen Kultur für Europa,
an der Schwelle des neuen Jahrtausends
Präsynodales Symposium im Vatikan
11.-14. Januar 1999

………………..Dieses Symposium paßt in die Dynamik hinein, die unter dem Impuls des Heiligen Vaters die ganze Kirche in das dritte Jahrtausend führt und diesen neuen Abschnitt zu einer Ära erhebt, in welcher dem Heilsplan Gottes und seiner unendlichen Weisheit sowie der Erwartung der Wiederkunft Christi, der vom Vater gesandt und von der Jungfrau Maria als Anfang aller Dinge und Archetyp aller Menschen geboren wurde, Raum gegeben wird.
An der Schwelle des dritten Jahrtausends meditiert die Kirche die Geheimnisse Christi als des menschgewordenen Wortes und lädt zu einer Neuevangelisierung der Menschen ein, da in Europa während zweier Jahrtausende das Evangelium verkündet und häufig bekämpft wurde.
Christus als Quelle für eine neue Kultur Europas an der Schwelle des neuen Jahrtausends vorzuschlagen, bedeutet, der Zerstreuung unserer Kultur und ihrem Vergessen der essentiellen Dimensionen des Menschen entgegenzutreten, denn der Mensch ist als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, durch Christus erlöst und von seinem Heiligen Geist der Einsicht, der Weisheit und der Liebe belebt.

NOTIFIKATION
bezüglich des Buches von
JACQUES DUPUIS
,,Verso una teologia cristiana del pluralismo religioso"

II. Einzigkeit und Fülle der Offenbarung in Jesus Christus
3. Es ist fest zu glauben, dass Jesus Christus der Mittler, die Vollendung und die Fülle der Offenbarung ist. [6] Im Gegensatz zum Glauben der Kirche steht deshalb die Meinung, die Offenbarung Jesu Christi sei begrenzt, unvollständig und unvollkommen. Obwohl die volle Erkenntnis der göttlichen Offenbarung erst am Tag der Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit erlangt wird, bietet die geschichtliche Offenbarung Jesu Christi alles, was für das Heil des Menschen notwendig ist, und bedarf keiner Vervollständigung durch andere Religionen. [7]
4. Es steht im Einklang mit der katholischen Lehre, dass die Samenkörner der Wahrheit und des Guten, die sich in den anderen Religionen finden, eine gewisse Teilhabe an den Wahrheiten sind, welche die Offenbarung Jesu Christi enthält. [8] Hingegen ist es ein Irrtum anzunehmen, dass diese Elemente des Wahren und des Guten oder einige von ihnen sich nicht letztlich vom Quellgrund der Mittlerschaft Jesu Christi herleiten. [9]

DOKUMENT
Die Interpretation der Bibel in der Kirche

F. Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift
Die fundamentalistische Verwendung der Bibel geht davon aus, daß die Heilige Schrift - das inspirierte Wort Gottes und frei von jeglichem Irrtum - wortwörtlich gilt und bis in alle Einzelheiten wortwörtlich interpretiert werden muß. Mit solcher "wortwörtlicher Interpretation" meint sie eine unmittelbare buchstäbliche Auslegung, d.h. eine Interpretation, die jede Bemühung, die Bibel in ihrem geschichtlichen Wachstum und in ihrer Entwicklung zu verstehen, von vorneherein ausschließt. Eine solche Art, die Bibel zu lesen, steht im Gegensatz zur historisch-kritischen Methode, aber auch zu jeder anderen wissenschaftlichen Interpretationsmethode der Heiligen Schrift.
Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift hat seine Wurzeln in der Zeit der Reformation, wo man dafür kämpfte, dem Literalsinn der Heiligen Schrift treu zu bleiben. Nach der Aufklärung erschien diese Art, die Bibel zu lesen, im Protestantismus als Reaktion auf die liberale Exegese. Der Begriff "fundamentalistisch" wurde auf dem Amerikanischen Bibelkongreß geprägt, der 1895 in Niagara im Staate New York stattfand. Die konservativen protestantischen Exegeten legten damals "fünf Punkte des Fundamentalismus" fest: die Lehre von der wörtlichen Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, der Gottheit Christi, der jungfräulichen Geburt Jesu, der stellvertretenden Sühne Jesu und der körperlichen Auferstehung bei der Wiederkunft Christi. Als der fundamentalistische Umgang mit der Bibel sich in anderen Weltteilen ausbreitete, führte er in Europa, Asien, Afrika und Südamerika zu weiteren Spielarten, die alle auch die Bibel "buchstäblich" lesen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand der fundamentalistische Gebrauch der Bibel in religiösen Gruppen und Sekten wie auch unter den Katholiken immer mehr Anhänger.